(Zu?) lang und laufbar

In den letzten Jahre habe ich mir für meine Projekte immer technisch anspruchsvollere Touren ausgesucht, bei denen man mehr am Kraxeln als am Laufen ist. Zudem waren es immer private Projekte, die ich alleine ausgearbeitet und dann auch umgesetzt habe. Das soll beim diesjährigen Projekt anders sein: Geplant ist, durch und um den Schweizer Nationalpark – eines der schönsten Flecken der Schweiz – auf dem Nationalpark-Panoramaweg zu laufen. Betonung auf «laufen», denn diese 150 Kilometer lange und mit über 8’000 Höhenmetern doch bergige Mehrtageswanderung verläuft (fast) immer auf gut ausgebauten Wanderwegen. Aber das wirklich Besondere ist, dass ich diese Abenteuer nicht alleine, sondern mit einer ganz besonderen Person in Angriff nehmen möchte.
Ungewöhnlich ist auch der Morgen am Tag der Tour: wir schlafen erst aus, frühstücken gemütlich, packen in aller Ruhe unsere Sachen und fahren erst dann nach Müstair. Also nicht wie sonst in aller Herrgottsfrühe loslegen. Unser Plan ist, am frühen Nachmittag dort zu starten, am Nachmittag/Abend den ersten Abschnitt durch den Nationalpark zu laufen, den vermeintlich langweiligen Teil von Zernez bis Scuol in der Nacht abzuarbeiten und dann am nächsten Morgen den bergigen Abschnitt durchs Sesvenna-Gebiet zurückzulegen. So sollten wir alle Highlights bei Tageslicht erleben können.

Durch den Nationalpark

Der Start um 14 Uhr, also genau im Mittagsloch, fällt etwas schwer und auch die Pasta muss erst mal verdaut werden. Aber spätestens im Val Mora ist alles vergessen. Die an Kanada erinnernde Landschaft ist einmalig schön und beflügelt uns. Zudem ist mittlerweile keine Menschenseele mehr unterwegs, weil Wanderer und Biker ihre Touren schon beendet haben. So haben wir die Trails im Nationalpark ganz für uns alleine – ein Traum!

Aber ganz alleine sind wir nicht: Im Aufstieg zur Fuorcla Murter entdecken wir die ersten Gämsen. Erst sehen wir nur eine Handvoll, aber in den sanften Grashängen tummeln sich Dutzende dieser anmutigen Tiere. Und selbst auf den umliegenden Graten können wir sie erkennen. Getoppt wird das Ganze, als wir den Pass erreichen: am Horizont geben die Wolken einen kleinen Streifen des Himmels frei. Und dieser leuchtet uns durch die untergehende Sonne entgegen. Eines der schönsten Momente, die ich bisher in den Bergen erleben durfte.

Allzu lange können wir das Naturschauspiel jedoch nicht geniessen. Durch einen ersten Schauer sind wir «angefeuchtet» und der frische Wind kühlt uns schnell aus. Also Stirnlampe auf und weiter! Als wir kurze Zeit später an der Chamanna Cluozza vorbeilaufen, ist es bereits stockdunkel. Dementsprechend verdutzt schauen uns die Leute aus der gemütlichen Hüttenstube an. Wir haben gehofft, dass es nach dem einen Schauer wieder aufklaren würde, doch auf dem Weg zum ersten Zwischenstopp Zernez fängt es wieder an zu regnen. Dieses Mal sogar recht heftig. Zum Glück finden wir ein Zelt, wo wir unsere Frischkäse-Erdnussbutter-Bananen-Bagels (sehr lecker!) verdrücken können. Das Loslaufen kostet dann trotzdem Überwindung. Neben Kälte und Feuchtigkeit macht sich langsam auch Müdigkeit bemerkbar. Eigentlich wäre jetzt eher Zeit zu schlafen, als durch den Regen zu rennen. Immerhin können wir auf dem Flachstück bis Lavin gut Kilometer abspulen und nach Niederschlagsende kehrt auch die Wärme wieder zurück in unsere Körper.

Durch die Nacht

An für sich geht es mir noch sehr gut. Ausser wachsende Blasen an den kleinen Zehen hält sich die Erschöpfung in Grenzen und die Beine wollen auch noch. Aber in meinem Kopf machen sich erste Zweifel bemerkbar. Jetzt haben wir gerade mal 65 Kilometer geschafft, also noch nicht mal die Hälfte. Bis Müstair dauert es noch eine Ewigkeit! Natürlich weiss ich, dass solche Gedanken kontraproduktiv sind. Einfach abstellen kann ich sie trotzdem nicht. Es ist Luzia, die mich bei einer Tuc-Pause mit wenigen, aber den richtigen Worten aus dieser ersten Krise holt. Ich war davon ausgegangen, dass die Wanderwege bei den Schlenkern durchs Val Lavinuoz, Val Tuoi und Val Tasna gut ausgebaut, grösstenteils sogar befestigt sein würde. Hätte ich die Karten genauer studiert, hätte ich zumindest erahnen können, dass das nicht der Fall sein wird. Die triefend nassen Pfade sind immer wieder recht verblockt, so dass ein schnelles Vorankommen in der Dunkelheit kaum möglich ist. Während Luzia «nur» mit bleierner Müdigkeit zu kämpfen hat, sonst aber immer noch läuft, als wäre sie eben erst gestartet, wird es bei mir wieder zäh. Die Schmerzen an den Blasen halten sich zwar völlig im Rahmen, haben sich aber fest in meinem Kopf eingenistet. Meine Gedanken kreisen um die Blasen, meine mittlerweile bleischweren Beine und besonders um das noch immer endlos erscheinende Stück vor uns.

Frühzeitiges Ende

In Scuol, nach rund 100 Kilometern und 5’000 Höhenmetern müssen wir uns entscheiden: Durchziehen, oder hier aufhören? Naja, eigentlich muss ich mich entscheiden, denn Luzia ist physisch und vor allem mental so fit, dass sie die Runde ohne geglichen Zweifel zu Ende laufen könnte. Bei mir sieht das anders auch. Wahrscheinlich würde mein Körper die 50 Kilometer auch packen, aber mein Kopf ist nicht bereit die Quälerei auf sich zu nehmen. Also Aufhören. Und so sitzen wir kurze Zeit später im Zug und fahren zurück nach Müstair, wo wir erst mal schlafen gehen.
Auch das kam bei meinen Projekten noch nie vor: frühzeitig abzubrechen. Aber in diesem Fall ist das völlig in Ordnung. Trotz (oder vielleicht wegen?) dem frühzeitigen Ende war es eines der schönsten Abenteuer, die ich bisher erleben durfte.

Danke Luzia!

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 102 km (150 km)

Auf-/ Abstieg: ca. ± 5’000 m (8’000)

Schwierigkeit: T3

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