Via Alta della Verzasca

Die Via Alta della Verzasca ist eine recht bekannte, mehrtägige Bergwanderung im Tessin. Sie verbindet die Capanna Borgna im Süden mit der Capanna Barone im Norden in üblicherweise vier Tagesetappen und verläuft entlang des Bergkamms, der das Verzascatal von der Riviera bzw. Leventina trennt. Die offizielle Schwierigkeit wird mit T6 auf der SAC-Wanderskala angegeben und ist damit ein ernsthaftes Unterfangen. Üblicherweise werden sechs Tage für diese Tour veranschlagt, denn zu den vier eigentlichen Etappen werden zwei weitere Tage für Hüttenzu- und abstieg benötigt. Schon seit ein paar Jahren will ich die VAV von Tal zu Tal in einem Tag machen, aber bisher hat sich nie die Gelegenheit ergeben bzw. hatten andere Projekte Priorität. Deshalb ist mir Jakob zuvorgekommen, als er im Juli 2018 in gut 20 h von Bellinzona nach Chironico gelaufen ist (für die eigentliche Via Alta della Verzasca hat er 13:28 h gebraucht). Wobei man sagen muss, dass auch er nicht der Erste war, der die VAV am Stück gemacht hat. Einige verrückte Tessiner haben das schon vor Jahren und Jahrzehnten gemacht. Nur damals gab es noch kein Strava, Instagram, Facebook & Co, weshalb es eben nur Freunde und Bekannte der Kampfwanderer mitbekommen haben. Inzwischen gibt es für die VAV ein Strava-Segment und auf der Internetseite fastestknowntime.com ist sie ebenfalls dokumentiert.

Einlaufen

Als ich Ende Juli um kurz vor 3 Uhr morgens in Cugnasco starte, habe ich also schon auch die Zeit im Hinterkopf. Da ich heuer (vermutlich) keine Startnummer anziehen werde, ist das eine Art persönlicher Wettkampf für mich. Ein bisschen sportliche Herausforderung brauche ich halt doch 😉 Aber wie bei langen Läufen üblich, heisst es auch hier: nicht zu schnell starten, Kräfte einteilen und einen guten Rhythmus finden. Das gelingt mir im Aufstieg zur Capanna Borgna, die ich nach weniger als 2 h erreiche, ganz gut.

Der offizielle Teil

Ein kurzer Trinkstopp und dann geht es los mit dem offiziellen Teil der VAV. Die erste Etappe ist technisch mit die Schwierigste. Besonders der Abstieg über den Nordwestgrat des Poncione di Piotta hat es in sich, ist mit der nötigen Vorsicht aber gut zu machen. Zumal die Schlüsselstellen mit Stahlbügeln und Seilen entschärft sind.

Die zweite Etappe von der Capanna Cornavosa zur Capanna d’Efra ist für mich ein absolutes Highlight! Es geht fast immer dem spektakulären Grat entlang, wobei die die Schwierigkeiten sind gerade so, dass man noch zügig vorankommt. Bei der malerisch gelegenen Capanna d’Efra treffe ich zum ersten Mal auf Menschen. Hier sind ein halbes Dutzend Tessiner dabei die Hütte zu erweitern. Als sie mich sehen, wollen sie sofort wissen, woher ich komme und was ich noch vorhabe. Zuerst schauen sie etwas verdutzt, aber einer der Männer kennt mich vom Scenictrail und erzählt das seinen Kollegen. Plötzlich sind sie völlig begeistert und feuern mich mit italienischem Temperament lautstark an und wünschen mir alles Gute 🙂

Diesen Motivationsschub kann ich gut gebrauchen, denn der Weg ist noch sehr lang. Und beschwerlich. Er führt über den Verbindungsgrat der Gipfel von Pizzo Cramosino, Madom Gröss und Pizzo di Mezzodi zur Alpe di Cógnora mit der gleichnamigen Hütte. Er ist nicht schwieriger als die erste Etappe, aber sehr viel unangenehmer. Insbesondere beim Abstieg vom Madom Gröss, wo der Weg in die abschüssige Ostflanke ausweicht, ist mit den müden und steifen Beinen Vorsicht geboten. Für Jakob war die letzte Etappe, die leider nicht mehr über den Grat führt, eine ziemliche Schinderei. Zumindest habe ich das so für mich aus seinem Bericht interpretiert. Sie soll sich ewig ziehen, die vielen kleinen Gegenanstiege zermürbend sein und viel weniger schön sein als die vorherigen Etappen. Mental habe ich mich darauf also gut vorbereiten können. Vermutlich deshalb empfand ich diesen Abschnitt gar nicht so schlimm. Und so erreiche ich ohne eine grössere Krise gehabt zu haben die Capanna Barone und damit den Endpunkt der Via Alta della Verzasca. Für den offiziellen Teil habe ich also ziemlich genau 9:41 h gebraucht, womit ich mehr als zufrieden bin.

Auslaufen

Allerdings bin ich damit noch lange nicht fertig für heute. Es gilt einen giftigen 500-Höhenmeter-Anstieg und ein ziemlich langer Abstieg nach Lavorgo unter die Beine zu nehmen. Und prompt kommt sie, die erste Krise. Kurz nach dem Lago Barone geht nichts mehr. Die läppischen 200 Höhenmeter zum Bassa del Barone werden zum scheinbar unüberwindbaren Hindernis. Zum Glück sind derartige Löcher nichts Neues für mich und ich weiss damit umzugehen. In der Regel muss ich nur ausreichend Energie nachschieben und dann läuft es bald wieder. In diesem Fall ist es ein Snickers, das vielleicht keine Kohlenhydratzusammensetzung hat, die nach aktuellem wissenschaftlichen Stand ideal ist für den Körper. Aber dafür schmeckt es um Welten besser und die erhoffte Wirkung stellt sich auch bald ein. Auch wenn die Krise überwunden ist, der Abstieg bleibt trotzdem lang. Jetzt ärgere ich mich auch, dass ich mich für die kleinen Schuhe entschieden habe. Im technischen Gelände mag ich zu grosse Schuhe nicht, da sollten sie möglichst sitzen wie Kletterfinken. Aber nach mehreren Stunden schwellen die Füsse an und die anfangs perfekt passenden Schuhe werden zu eng. In jedem Fall bin ich heilfroh, als ich nach knapp über 14 h den Bahnhof in Lavorgo erreiche, nicht mehr laufen muss und die Schuhe ausziehen kann 😉

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 65 km

Auf-/ Abstieg: ca. + 6’100 m / – 5’700 m

Schwierigkeit: T5+

2 Replies to “Via Alta della Verzasca”

    • Hallo Max!
      Also das freut mich, dass du schreibst! Es liest also noch jemand meine Berichte 😉
      Die VAV kann ich nur empfehlen, sie wird dir gefallen. Ganz egal in welchem Tempo!
      Gruss, Stephan

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