Überschreitung der Hochwangkette

Das nächste Touren-Highlight in der Region, das ich beschreiben möchte, ist die komplette Überschreitung der Hochwangkette. Wie schon die erste vorgestellte Tour verläuft der Weg (sofern es einen gibt) grösstenteils auf einem Grat bzw. Bergrücken. Ich liebe solche Strecken, weil sie einmalige Tiefblicke in die angrenzenden Täler ermöglichen und oft etwas anspruchsvoller sind. Ausserdem ist die Geologie in meiner Wahlheimat, dem Prättigau, wie geschaffen für endlose Gratwanderungen oder eben Läufe.

Chur – Montalin: Höhenmeter satt zum Aufwärmen

Ausgangspunkt ist die Alpenstadt Chur. Da ich von Schiers problemlos mit dem Zug anreisen kann, starte ich direkt beim Bahnhof. Viel Zeit zum Warmlaufen bleibt nicht, denn beim Stadtrand geht es sofort steil bergauf – hier beginnt die Hochwangkette, die es zu überschreiten gilt. Zu Beginn folgt man am besten den Wegweisern in Richtung Mittenberg. So vermeidet man, dass man sich im noch dichten Wegnetz verzettelt. Mal auf schmalen Pfaden, mal auf breiten Schotterstrassen erreicht man zügig die Lichtung 500 Höhenmeter oberhalb von Chur. Die Aussicht ist schon jetzt nicht schlecht, ich kann jedoch versprechen, dass es noch besser wird. Viel besser!
Das nächste Ziel ist auch schon auf den Wegweisern angeschrieben: das Fürhörnli. Man folgt einfach dem Wanderweg, der kurz nach der Lichtung rechts in den Wald abtaucht und nun merklich steiler wird. Bei den Maladerser Heubergen flacht das Gelände wieder etwas ab, allerdings nicht auf der linken Seite. Denn hier beginnen die spektakulären Abbrüche hinab ins Churer Rheintal. Das Fürhörnli ragt etwas vorgelagert aus diesen Abbrüchen und ermöglicht so die ersten richtig spektakulären Ausblicke. Es lohnt sich kurz inne zuhalten, zu geniessen und tief durchzuatmen. Tief durchatmen sollte man, denn der nächste Abschnitt zum Montalin ist nicht nur steil, sondern auch deutlich anspruchsvoller. Es ist zwar immer noch ein offizieller Wanderweg, allerdings ein „Blau-Weisser“ (wem das nichts sagt, kann ja mal googlen). Er zieht sich zunächst durch immer abschüssigeres Gelände, bevor er sich in zahlreichen Kehren die Südflanke bis zum Gipfel des Montalin schraubt. Es folgt ein kurzer Abschnitt auf einem einfachen Wanderweg hinunter zum Fusse des Gromser Chopf – ideal um die Beine zu lockern, bevor es richtig los geht.

Blick zurück vom Montalin in Richtung Chur. Schön zu sehen die spektakulären Abbrüche.

Blick zurück vom Montalin in Richtung Chur. Schön zu sehen die spektakulären Abbrüche.

Gromser Chopf – Tüfelsch Chopf: Der anspruchsvolle Teil

Man verlässt jetzt nämlich den offiziellen Wanderweg und folgt den mal mehr, mal weniger gut sichtbaren Spuren. Die Orientierung ist trotzdem kein Problem, man muss im Grossen und Ganzen einfach dem Grat folgen 🙂 . Schon bald erreicht man die „Schlüsselstelle“ der Tour: den mit einer Stange markierten Felskopf unterhalb des Ful Berg. Diesen muss man nordseitig in sehr abschüssigem Gelände umgehen. Bei guten Verhältnissen kein Problem, bei Nässe, Eis oder Schnee kann es jedoch unangenehm werden. Die folgenden 3 Kilometer bis zum Tüfelsch Chopf bleiben spannend. Immer wieder muss man die Hände zu Hilfe nehmen und seine Schritte konzentriert setzen. Wer Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und ein wenig alpine Erfahrung mitbringt, wird seine Freude haben! Man muss sich trotzdem bewusst sein, dass man hier nicht besonders schnell vorankommt. Wenn man nicht gerade Kilian Jornet heisst, wird man hier nur wenig laufen können.

Tüfelsch Chopf - ein bizarrer Felsen

Tüfelsch Chopf – ein bizarrer Felsen

Hochwang – Mattjisch Horn: Der sanfte Teil

Das ändert sich jedoch, wenn man den höchsten Punkt und Namensgeber der Tour, den Hochwang, erreicht hat. Ab hier wird das Gelände wieder sanfter und ausserdem stösst man hier wieder auf einen Wanderweg. Die einfacheren Verhältnisse sind genau das richtige nach den anspruchsvollen Kraxelpassagen und ermöglichen ausserdem ein recht zügiges Vorankommen. Man sollte sich also nicht entmutigen lassen, wenn man vom Hochwang in scheinbar endloser Ferne das letzte Gipfelziel, den Chistenstein erkennt. Es ist nicht so weit wie es ausschaut 😉 .

Da geht's noch hin!

Da geht’s noch hin!

Je nachdem wie genau man es nimmt, kann man auf dem Grat (oder mittlerweile Bergrücken) bleiben und jeden Gipfel mitnehmen, oder aber man folgt dem Wanderweg, der etwas unterhalb verläuft. Beim Anstieg zum Mattjisch Horn erübrigt sich die Frage sowieso, da der Pfad wieder dem Grat folgt. Das Mattjisch Horn ist der „Hausberg“ der Fideriser Heuberge und ein Panoramaberg erster Güte. Besonders der Blick auf die Felswände der Schweizer Dolomiten (= Rätikon) sind schwer beeindruckend.

Mattjisch Horn – Chistenstein: Das grosse Finale

Nach dem Mattjisch Horn beginnt das Finale der Tour. Beim Abstieg folgt man noch dem Wanderweg, lässt diesen aber links liegen, wenn er oberhalb des Schottensees in Richtung Heuberge abbiegt. Aus dem Bergrücken wird wieder ein richtiger Grat, das Gelände anspruchsvoller, aber nicht mehr so ausgesetzt wie zu Beginn. Die Zenji-Köpfe können zwar nord- oder südseitig umgangen werden. Ich empfehle jedoch auf dem Grat zu bleiben, da die wenigen Kraxelstellen leicht zu überwinden sind. Bevor der letzte Anstieg auf den Chistenstein geht, kommt man an einen verwahrlosten Masten eines früheren Skilifts vorbei – einem Überbleibsel vergangener Zeiten als das mondäne Skigebiet von Davos noch mit dem mittlerweile beschaulichen Skigebiet der Fideriser Heuberge verbunden war. Der Anblick ist etwas trostlos, aber ich bin trotzdem froh, dass die Skigebiete getrennt wurden. Denn sonst wäre die Natur hier sicher nicht so intakt. Man denke nur an den erschreckenden Anblick von Skipisten im Sommer!

Der verwahrloste Liftmast

Der verwahrloste Liftmast

Am Chistenstein ist die Welt also noch in Ordnung und wenn man Glück hat kann man am felsigen Gipfelaufbau Adler sehen, die hier schon öfters beim Brüten beobachtet werden konnten. In solch einem Fall muss man natürlich besonders behutsam sein! Aber auch ohne brütende Greifvögel ist beim Chistenstein nochmals Vorsicht geboten. Eine kurze Kletterstelle im Blockgelände ist zwar nicht schwierig, aber mit müden Beinen und in Gedanken schon auf dem Gipfel, ist ein Fehltritt schnell passiert. Auf dem Chistenstein kann man dann stolz den Blick zurück auf die nun hinter einem liegende Hochwangkette werfen. Erstaunlich, was mit zu Fuss an einem Sommertag so alles schaffen kann!

Tief unten im Tal liegt Küblis

Tief unten im Tal liegt Küblis

Chistenstein – Küblis: 1650 Tiefenmeter zum Abschluss

Aber zu Ende ist die Tour am Chistenstein noch nicht! Es folgt noch der 1650-Höhenmeter-Abstieg hinunter nach Küblis. Und den sollte man nicht unterschätzen. Zu Beginn bleibt man noch im weglosem Gelände auf dem Grat und „nimmt“ noch zwei weitere Gipfel, das Glatt Bärgji und die Girenspitze mit. Bald stösst man auf den Wanderweg, der zunächst noch eine Schleife durch saftige Almwiesen zieht. Das kann wunderschön sein, nach Regenfällen ist es aber ein ziemlicher Kampf. Denn leider wird der Wanderweg mehr von Kühen als von Wanderern begangen und dementsprechend kann er ziemlich vertrampelt sein. Einen kleinen Tribut, den man dafür zollen muss, dass die Gegend noch nicht vom Massentourismus überschwemmt ist. Die letzten Kilometer verlaufen dann ganz unspektakulär auf einer Schotterstrasse hinunter ins Tal. Man könnte sagen er sei langweilig, ich finde aber es ist eine hervorragende Gelegenheit um all die Eindrücke der vergangenen Tour Revue passieren zu lassen!

Distanz: ca. 40 km

Auf-/ Abstieg: ca. + 3300 m / – 3100 m

Schwierigkeit: T4+ – T5

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