Überschreitung der Chüealphornkette

Wer gerne abseits vom Trubel unterwegs ist, wird vermutlich nicht in Davos zu einer Bergtour aufbrechen wollen. In den bestens erschlossenen Bergen sollte es schwierig sein, ruhige Flecken zu finden. Auf die unmittelbare Nähe der Liftanlagen und auf ein paar gut erreichbaren Gipfelziele mag das zutreffen, aber sobald man sich von diesen Hot Spots entfernt, ist man plötzlich alleine unterwegs. Besonders trifft das auf die Berge zu, die sich am hinteren Ende des Dischma- und Sertigtals befinden. Auch ich kenne diese Berge eigentlich nur von Skitourengehen im Winter. Wieso also nicht im Sommer die Gegend erkunden? Beim Blick auf die Karte springt mir die Bergkette zwischen Dischma- und Sertigtal (im SAC-Führer als Chüealphornkette bezeichnet) sofort ins Auge. Ich frage mich, ob es möglich ist, sie komplett zu überschreiten. Laut der Beschreibungen im SAC-Führer sollte das machbar sein – sogar als Traillauf. Mein Versuch weitere Informationen aus dem Internet zu bekommen, war nicht sehr ergiebig. Auch ein Indiz, dass die Berge selten begangen werden.

Einlaufen auf top ausgebauten Panoramawanderwegen und grasbedeckten Graten

Ich starte bei kühlen 8°C an der Talstation der Jakobsbahn, wo sich die ersten Mountainbiker in die Kabinen zwängen. Der Aufstieg bis Brämabüel ist wie erwartet eher Pflichtprogramm, aber dann beginnt ein aussichtsreicher Streckenabschnitt. Auf einem top ausgebauten Wanderweg geht es immer dem Grat entlang bis zur Tällifurgga.

Panoramawanderweg zur Tällifurgga

Hier zweigen die Wanderwege ins Dischma- und Sertigtal ab. Man bleibt aber auf dem grösstenteils grasbedeckten Grat. Ohne Schwierigkeiten überschreitet man Täli- und Felahorn, bevor es beim Anstieg zum Wuosthorn erstmals etwas anspruchsvoller wird (T4). Es folgt ein weiterer Abschnitt in einfachem Gelände.

Der Spass beginnt

Ab der Riner Furgga geht es dann richtig los. Im Auf- und Abstieg zum Sattelhorn sind die ersten einfachen Kletterstellen zu überwinden. Wider Erwarten ist das Gelände recht angenehm zu begehen: weder brüchig noch loses Geröll. Auf dem Sattelhorn hat man einen guten Blick auf die Nordseite des Bocktenhorns. Eine offensichtliche Aufstiegsroute ist nicht sofort ersichtlich. Auch im Sattel unterhalb des Aufschwungs bin ich noch unsicher, was die Ideallinie ist. Letztlich halte ich mich ziemlich genau am Grat, was vielleicht nicht die einfachste, aber vermutlich die angenehmste Variante ist. In leichter Kletterei in gutem Fels (II) erreiche ich so den Gipfel und damit den ersten 3000er des heutigen Tages.

Kletterei aufs Bocktenhorn

Leider wird das Vorankommen ab hier deutlich mühsamer. Immer wieder sind Passagen im Schutt oder losem Geröll zu passieren. Besonders im Abstieg vom Augstenhüreli muss ich zugeben, dass meine leichten Trailschuhe nicht ideal sind für dieses Terrain. Trotz grosser Vorsicht geraten die apfelsinengrossen Gesteinsbrocken ständig in Bewegung und malträtieren meine ungeschützten Knöchel.

Es wird immer anspruchsvoller

Die Traverse des kümmerlichen Chüealpgletschers ist da eine richtige Wohltat. Durch die dünne Schneeschicht vom letzten Kaltlufteinbruch ist sie auch ohne Steigeisen problemlos zu begehen. Der „Normalweg“ aufs Chüealphorn ist spärlich mit Steinmännern markiert, führt aber unangenehm durch Schutt und Geröll. Weil ich davon genug habe, kraxle ich rechts davon in ziemlich direkter Linie zum Gipfel. Für mein Empfinden die deutlich angenehmere Variante. Jetzt beginnt das grosse Finale, die Überschreitung des Chüealphorns und der zerfurchte Grat zum Passhöreli. Zur Überschreitung heisst es im Führer lapidar „Die Kletterei zum Gipfel ist hübsch, auch für den Abstieg günstig, da man von oben den besten Weg leicht erkennt“. Ganz so trivial finde ich es nicht. Es ist zum Teil recht ausgesetzt und ein paar Mal kraxle ich in eine Sackgasse. Zwar gibt es immer eine machbare Lösung, aber man muss schon hochkonzentriert sein.

Luftig…

Dasselbe gilt auch für den weiteren Gratverlauf zum Passhöreli. Der zerfurchte Grat und das teilweise unzuverlässige Material erfordert ein gutes Gespür für die richtige Linie. Hilfen in Form von Wegspuren oder Steinmännern gibt es hier keine. Ich bin in jedem Fall froh endlich das Passhöreli und damit den letzten Gipfel des Tages erreicht zu haben.

Auslaufen auf der Swissalpine-Strecke

Zu Ende ist die Tour damit allerdings noch nicht. Schliesslich ist man jetzt genau am Ende des Sertigtals. Will man komplett „by fair means“ zurück zum Ausgangspunkt, liegen noch mehr als 15 Kilometer vor einem. Spätestens jetzt bin ich wieder froh die leichten Trailschuhe und keine bleischweren Bergschuhe anzuhaben. Und so geht es im Laufschritt auf der mir bestens bekannten Strecke des Swissalpine (den es jetzt nicht mehr gibt) zurück nach Davos.

Das Ziel in weiter Ferne

Fazit:

Die Überschreitung der Chüealphornkette ist eine absolut lohnende Unternehmung – sofern man sich von dem teilweise mühsamen Gelände nicht abschrecken lässt. Kürzt man die Tour ab, in dem man mit der Bahn aufs Jakobshorn fährt und in Sertig Sand den Bus nimmt, halten sich auch die konditionellen Anforderungen im Rahmen.

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 41 km

Auf-/ Abstieg: ca. ± 3050 m

Schwierigkeit: T5 / II

 

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