Über den König der Voralpengrate

Kurz nachdem ich zum ersten Mal den Brienzergrat gemacht habe, bin ich auf einen Hikr-Bericht über die Überschreitung des Niesengrates gestossen. Ich war sofort Feuer und Flamme um den „grossen Bruder“ des Brienzergrates ebenfalls unter die profilierten Laufschuhe zu nehmen. Allerdings habe ich ihn schnell wieder von meiner Wunschliste gestrichen, weil mir die Tour zu anspruchsvoll und damit zu riskant war. Es sind einige ausgesetzte IIIer-Kletterstellen im brüchig(st)en Gelände zu überwinden, wenn man konsequent auf dem Grat bleiben will.
Ganz aus meinem Kopf bekommen habe ich den Niesengrat aber nicht. Vor allem auch, weil ich im Winter und Frühsommer ein paar Mal im Berner Oberland war und die Bergkette immer präsent war. Zudem habe ich in diesem Jahr mehrere technisch anspruchsvolle Bergtouren gemacht, wodurch ich mich auch jenseits von Wanderwegen immer sicherer fühlte. Nach zwei Reko-Touren und Tipps von Einheimischen für mögliche Umgehungen der ganz kritischen Stellen war klar, dass ich es probieren werde.
In diesem Fall war es noch schwieriger einen passenden Termin zu finden. Denn neben Zeit und gutem Wetter musste ich dieses Mal auch jemanden finden, der bereit ist für mich Wasser auf den Grat zu schleppen. Ohne solch einen Wasserträger wäre das Projekt kaum realisierbar. Wasserstellen gibt es auf dem Grat natürlich nicht und das ganze Wasser mitzuschleppen kommt noch weniger in Frage als zwischendurch zu Wasserstellen ab- und dann wieder aufzusteigen. All das unter einen Hut zu bringen ging letztlich viel schneller als erwartet und so konnte ich bereits Mitte September das Projekt „Niesengrat“ in Angriff nehmen.

Die einfachere Hälfte zuerst

Ich starte kurz nach halb sieben bei der Bergstation der Niesenbahn in Mülenen. Es fängt gerade an zu dämmern, so dass ich ohne Stirnlampe auskomme. Den 1700-Höhenmeter-Anstieg zum Niesen ist bald geschafft, nach etwas mehr als 1:20 h erreiche ich den Gipfel. Dieser ragt gerade so aus der Hochnebelschicht heraus und ich kann die ersten Sonnenstrahlen geniessen.

Über den Wolken…

Leider bleibt der weitere Gratverlauf unter der Nebeldecke verborgen, ich sehe also nicht, wo ich heute noch hinmuss (oder darf). Kurze Zeit später tauche auch ich wieder in die dicke Suppe ein. Laut Wetterbericht soll sich der Nebel zwar auflösen, dafür sollen im Verlauf des Tages aber Quellwolken entstehen. Strahlendes Wetter ist also nicht zu erwarten. Im Grunde stört mich das nicht, die Temperaturen sind zum Laufen sehr angenehm und wenn die Wolkendecke zumindest teilweise aufreisst, kann ich mich auf spektakuläre Ausblicke freuen. Etwas mehr Sorgen bereitet mir die Feuchtigkeit. In den Tagen zuvor hat es geregnet, dementsprechend ist der Untergrund nass, matschig, schlüpfrig. Mit entsprechender Vorsicht ist aber auch das kein Problem und ich komme zügig vorn. Den ersten Abschnitt bis zum Hohniesen bin ich bereits abgelaufen. Er bietet bis auf ein paar zu erkletternde Aufschwünge (II) keine grossen Schwierigkeiten, dafür aber umso grösseren Genuss.

Vom Hohniesen ist es nicht mehr weit, bis zum Chratzchummisattel, wo mich Isa und Tom mit frischem Wasser versorgen werden. Aber schon auf dem kleinen Gipfel zuvor (Wysse Flue) werde ich von den beiden empfangen. Mich haut es fast um, als ich sehe, was für ein Premium-Buffet sie aufgebaut haben: Apfelkuchen, Basler Leckerli, Biberli, Trockenpflaumen, Käse, Brot, Schoggi, Äpfel, Bananen, Wasser, Schnaps, Kaffee, … Danke ihr beiden, ihr seid einfach die Besten! Klar, dass ich die Astronautennahrung, die ich mir auch habe mitbringen lassen, erst mal nicht anrühre.

Meine „Verpfleger“: Isa und Tom

Grenzwertig

Bestens verpflegt, nehme ich den zweiten Teil in Angriff. Wie erwartet wird es jetzt deutlich anspruchsvoller. Der Grat wird wilder und es gibt bereits jetzt einige Passagen, wo ich meine Komfortzone verlassen muss. Nein, der Grat zwischen Chratzchummisattel und Otterepass ist definitiv kein Laufgelände mehr!

Erbithore, am besten immer am Grat bleiben

Nach dem Otterepass wird es nochmal einfacher. Jetzt heisst es: gut verpflegen und Kraft sammeln vor dem grossen Finale: dem Anstieg aufs Landvogthore. Nach Tobis Hikr-Bericht muss dieser absolut grenzwertig sein und als ich auf die Nordflanke zulaufe, habe ich ein mulmiges Gefühl. Sie sieht so düster, so abweisend aus, dass ich normalerweise nicht daran denken würde, dort hochzukraxeln. Mich beruhigt aber, dass ich einen Plan B habe, falls ich mich nicht trauen sollte. Mit einem grosszügigen Umweg käme ich ebenfalls auf den Gipfel des Landvogthores. Ich beschliesse aber es zu versuchen. Hoch konzentriert und vorsichtig klettere/krabble ich die Flanke hoch. Erstaunlicherweise finden sich immer passable Tritte und Griffe, so dass es nicht anspruchsvoller ist als Passagen, die ich bereits gemeistert habe. Einziger Unterschied ist die Länge. Man muss nicht nur einen kurzen Aufschwung hoch, sondern ganze 300 Höhenmeter. So bin ich doch froh als ich heil den Gipfel erreiche. Jetzt liegen nur noch zwei eingerichtete Abseilstellen im Abstieg vom Gsür vor mir, dann habe ich alle heiklen Passagen geschafft. Kamen mir diese Abseilstellen auf der Reko-Tour noch kritisch vor, empfinde ich sie jetzt als völlig problemlos. Zumindest, wenn ich sie mit dem vergleiche, was hinter mir liegt. Deshalb klettere ich sie auch ungesichert ab, Gstältli und Notfallschlinge bleiben im Rucksack.

Türmlihore – nicht Teil des Niesengrates, aber trotzdem spektakulär

Unschwieriges, aber langes Auslaufen

Auch wenn die Schwierigkeiten damit geschafft sind, bis zum Ziel in Adelboden ist es noch weit. Zunächst stehen die 400 Höhenmeter zum Albristhorn auf dem Programm und dann der lange Abstieg zum Hahnenmoospass. Der ist nochmal richtig fies, da er sich ganz schön in die Länge zieht und meine Beine von den kleinen Gegenanstiegen nicht mehr begeistert sind. Nach ungefähr 10:45 h erreiche ich den Übergang zwischen Adelboden und Lenk, was ziemlich genau die Hälfte der Zeit meines Vorgängers ist. Im Gegensatz zu ihm muss ich aber noch runter nach Adelboden. Kein Genuss, aber eine gute Gelegenheit den Tag nochmals Revue passieren zu lassen. Etwa eine halbe Stunde später ist auch das letzte Stück geschafft und ich darf mich endlich freuen mir den Traum „Niesengrat“ erfüllt zu haben.

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 46.5 km

Auf-/ Abstieg: ca. + 5500 / – 4900 m

Schwierigkeit: T6 / II / ZS

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