Trail du Besso – mein Vater berichtet

Beim einzigen Wettkampf in dieser Sommer-Saison wurde ich erfreulicherweise von meinem Vater begleitet. Aber er ist nicht mitgekommen, um zuzuschauen, oder um mich zu supporten. Nein, er ist selbst an den Start gegangen! Eine gute Gelegenheit ihn als «Gastautor» zu Wort kommen zu lassen:

17.5 h für 55 km: machbar oder nicht?

Wer den Trailer auf Youtube anschaut, der ahnt schon, dass der Trail du Besso kein normaler Wettkampf ist. Zumindest hat das für einen Ü-60iger wie mich nicht mehr viel mit Laufen zu tun. Obwohl ich nicht unbedingt nochmals einen Wettkampf bestreiten wollte, war mir klar: Das Ding muss ich laufen! Beim Studieren der Wettkampfregeln stiess ich auf das Zeitlimit von 17.5 h. Hört sich für 55 km erst mal machbar an. Aber auf dieser Distanz müssen 5’600 hm bewältigt werden und zwar im hochalpinen, zum Teil weglosen Gelände. Oh, das könnte knapp für mich werden! Ich erzählte Stephan von diesem Wettkampf. Auch er war begeistert von der spektakulären Strecke und räumte ein, trotz Wettkampfpause, mitmachen zu wollen. Kurzum, wir machten mal wieder einen Vater-Sohn-Ausflug ins Wallis. Auf der Hinfahrt über Oberalp- und Furkapass haben wir über die Schwierigkeit des Wettkampfes diskutiert. Stephan machte mir klar, dass es fast auf der ganzen Strecke keine normal laufbare Trails geben würde. Geröll, Schotter, Gletscher, Blockgelände, Felsen, zum Teil mit Ketten und Seilen gesichert. Auch eine Leiter an einer senkrechten Wand galt es zu überwinden! Beim Blick auf die Tabelle mit den Durchgangszeiten musste sogar Stephan schmunzeln. Für den Schnellsten wurde eine Zeit von 9:19 h angegeben. Angesichts der schwierigen Strecke eher unrealistisch. Beispielsweise wurde für den letzten Downhill von 3200 m auf 1600 m ins Ziel, gerade mal 36 min veranschlagt. Mit frischen Beinen vielleicht machbar, aber eher nicht nach 5’600 hm…
In Zinal angekommen bezogen wir gleich unser gemütliches Hotel. Ein Blick vom Balkon liess uns erahnen, was da auf uns zukommen würde. Mein Puls schlug jetzt schon im Wettkampfmodus. Jetzt nur noch zur Rucksackkontrolle und Startnummernabgabe, ein gutes Essen und ab ins Bett. Startzeit für mich 3:30 Uhr für Stephan 5:00 Uhr. Wir plauderten noch darüber, wie lange es wohl geht, bis Stephan mich einholen wird. Mir war klar: noch vor dem Gipfel des Garda Bordon 3309 m. Stephan schmeichelte, nicht vor dem nächsten Tal in Chateaupre. „Na ja schaumamal“.

Steil bergauf, noch steiler bergab

Um 2 Uhr klingelte der Wecker. Nach einem Frühstück mit «leckerem» Pulverkaffee konnte es los gehen. Ich reihte mich ganz hinten zwischen 3 hübschen Mädels ein. Zugegeben, ein bisschen nervös war ich schon, aber mit 62 ist das ja eher angenehm. Gestartet wurde im langsamen Ultratempo. Wir hatten ja noch Zeit genug, um Tempo zu machen. Nach einem kleinen Vorgeplänkel über eine Anhöhe von 200 hm ging es schnell richtig zur Sache: 1’700 hm in einem Rutsch bis auf den Garda Bordon auf über 3300 m! Nach der 1. Verpflegungsstelle Sorebois auf 2900m ging es abgesichert mit Ketten über einen ausgesetzten Grat. Die Luft wurde dünner und mein Tempo deutlich langsamer. Plötzlich stand sie da, die Leiter an der senkrechten Wand aus dem Video. Ein Mitstreiter fragte mich, ob ich filmen könnte wie er da hochsteigt? Kein Problem! Nach wenigen Stufen bekam er plötzlich Panik, weil von hinten Stephan angeschossen kam. Völlig unnötig, denn Platz genug, um aneinander vorbeizukommen gab es allemal. Verrückt, jetzt ist der Kerl schon da und hat mich doch noch vor dem Gipfel eingeholt. Hatte ich also recht behalten! Nach 4:05 h erreichte ich den Gipfel und lag damit gut in der Sollzeit. Laut Tabelle für den Langsamsten, habe ich nun für den kommenden 900-hm-Downhill 41 min (!) Zeit. Ich brauchte für die Rutschpartie 55 min. Ganz klar, das muss besser werden. Es liegen ja noch mehrere Geröllabstiege vor mir zum Üben… Unten angekommen geht es direkt wieder hoch auf fast 3200 m. Nicht ganz so einfach wie beim ersten Anstieg, denn es galt einen blanken und deshalb sehr rutschigen Gletscher zu queren. Schneeketten wären jetzt nicht schlecht gewesen. Immerhin hat ein Helfer beim steilen Gletscherabgang das Eis aufgehackt und ein Seil gespannt. Natürlich wäre es ohne vieeeel schneller gegangen. Danach steil hoch zur Cabane de Moiry, wo die zweite Verpflegungsstelle eingerichtet war, kurze Pause und dann weiter auf den Col du Pigne. Oben angekommen blieb mir erst einmal die (dünne) Luft weg. Zunächst wegen der atemberaubende Aussicht. Dann wegen dem Blick auf die andere Talseite zur Cabane de Tracuit, wo ich irgendwann mal hinsollte. Und schliesslich wegen dem Blick nach unten. Ein Abstieg fast im freien Fall, mit Schotter, Steinen und Felsen. Einen Weg konnte ich auch nicht erkennen. Na Ja, laut Tabelle habe ich ja 1:10 h Zeit bis zur Cabane du Petit Mountet. Nachdem mich eine nicht mehr so junge Frau überholte und wie eine Gämse da runter hüpfte, dachte ich: Nichts wie hinterher! Aber keine Chance, die Frau hat mich stehen gelassen und ich kam nach zähen 1.15 Std. an der Hütte an.

Zermürbt von Schutt und losem Geröll

Eine größere Pause stand an. Ich musste erstmal meine Schuhe und Socken vom Sand und Steinern befreien. Naja, ein bisschen schlapp war ich auch und laut Tabelle gerade noch im Soll. Weiter sollte es auf einem „normalen Wanderweg“ gehen. Da kann man ja wieder Zeit gut machen. Dachte ich. Denn was folgte, war der Oberhammer: zunächst ein knallharter Anstieg von 400 hm auf 1.5 km, dann ein kurzes relativ flaches Stück durch Schotter und Blockgelände und schliesslich sehr steil hinab auf den Gletscher. In diesem Abschnitt hatte ich Glück, denn nach einem Stolperer konnte ich mich gerade noch abfangen, ohne dass mein Kopf auf einen Felsbrocken aufschlug. Die Koordination lies mittlerweile doch stark nach. Ich fragte den hier stationierten Streckenposten, bis wohin ich auf dem Gletscher gehen muss. Er zeigte auf einen weißen Fleck irgendwo in weiter Ferne. Dort sollte es dann hoch zur Cabane du Mountet gehen. So langsam wurde mir bange die Soll-Zeit einhalten zu können. Zumal sich der augenscheinlich flache Gletscher als unendliche Strecke erwies. Belegt mit Sand, Steinen, losem Geröll und Felsen kam man trotz grösster Anstrengung einfach nicht vom Fleck. Auch Stephan berichtete mir hinterher wie mühsam dieser Abschnitt für ihn war, ein Laufschritt war selbst für Ihn nicht möglich. Die Zeit lief mir allmählich davon. Nach dem steilen, mit Seilen gesicherten («Absturzgefahr“) Anstieg auf die Hütte machte ich erst einmal eine Pause, obwohl ich mittlerweile schon 15 min über der Soll-Zeit lag. Nachdem mich der Streckenposten darauf hinwies, dass noch ein weiter Weg vor mir lag, war klar, dass ich das Zeit-Limit unten an der Ponte de l`Arpittetaz nicht erreichen werde. So genoss ich nochmals die unbeschreiblich schöne Aussicht und nahm in aller Ruhe meinen letzten Downhill in Angriff. Letztlich fehlten mir unten 40 min, um weiterlaufen zu können. Eigentlich war ich jetzt überglücklich, es bis hierhin geschafft zu haben – ohne Verletzungen und einem guten Gefühl. Als ich noch erfuhr, dass Stephan das Rennen mit großem Vorsprung (42 min) gewonnen hat, konnte ich mit guter Laune ins Tal nach Zinal wandern. Im Hotel angekommen war Stephan frisch ausgeschlafen und startbereit für die Siegerehrung. Mal schauen, wer seine Siegerzeit von 10:16 h bei zukünftigen Austragungen knacken wird. Seine Lauferlebnisse kann Stephan natürlich nur selbst erzählen. In einem waren wir uns aber einig: einen härteren Trail-Wettkampf kennen wir nicht.

Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass mein Vater das Zeitlimit packt. Aber auch so finde ich, dass er stolz auf seine Leistung sein kann! Zumindest bin ich es und hoffe, dass ich mit 62 Jahren auch noch solche Sachen machen kann. Und ein spassiges Wochenende war es sowieso!

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

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