Top Ten bei der WM!

Die Lust kommt rechtzeitig zurück

Zugegeben, auf den letzten Wettkampf in diesem Jahr, die Weltmeisterschaft im Traillauf, hatte ich keine grosse Lust. Seit dem DNF beim UTMB war meine Motivation eine Startnummer anzuziehen komplett weg. Wenn ich nicht schon vor mehreren Monaten zugesagt hätte, dass ich bei der WM starte, hätte ich die Saison frühzeitig beendet. Jetzt, wo ich mit Claudia im Flieger sitze und einen ersten Blick auf die portugiesische Landschaft werfen kann, bin ich aber froh, dass ich nicht abgesagt habe. Was ich sehe, ist sehr vielversprechend! Bergig und unerwartet grün ist der Norden Portugals. Auch das Wetter ist schön und so soll es auch die nächsten Tage bleiben. Ja, ich bekomme langsam Lust auf die Wettkampfstrecke am Samstag!

Hitze Ende Oktober

Als wir den Flughafen verlassen und ins Freie treten, bekommen wir (inzwischen ist auch Pamela zu uns gestossen) einen Temperaturschock! Obwohl die Sonne schon längst untergegangen ist, hat es noch 22 sehr schwüle Grad. Uff, das ist man dann doch nicht mehr gewohnt. Getoppt wird das Ganze, als ich ziemlich müde das Hotelzimmer betrete. Die Portugiesen haben doch tatsächlich die Heizung auf voller Stufe laufen gelassen, dementsprechend heiss ist es. Die Heizung hat Benni, mit dem ich mein Zimmer teilen darf, sofort abgedreht und die Fenster sind auch komplett offen. Trotzdem schwitzen wir in dieser Nach mehr, als dass wir schlafen. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht – Schocktherapie, um sich schnellstmöglich an die warmen Temperaturen zu gewöhnen. Wäre gut, wenn es klappt, denn am Wettkampftag soll es genauso heiss werden.

Voller Terminplan am Tag vor dem Wettkampf

Den Tag vor dem Wettkampf vergeht wie im Flug: Frühstück, gemeinsam mit den anderen Teammitgliedern die Beine lockern, Besprechung mit den Betreuern, Mittagessen. Bis jetzt alles super! Vor allem freut es mich, mit Anne-Marie, Pamela, Ildiko, Claudia, Gitti, Simone, Flo, Benni, Dippi und Martin die Zeit verbringen zu dürfen. Wir verstehen uns super und sind ständig am Quatschen. So bleibt auch keine Zeit aufgeregt zu werden.

Team Germany läuft sich warm!

Der Nachmittag verläuft dann eher nicht nach meinem Geschmack. Eröffnungszeremonie mit Flaggeneinlauf und vielen Reden von meist übergewichtigen, schwitzenden, Anzug tragenden, aber „wichtigen“ Verbands-Heinis. Ich finde das braucht der Sport nicht. Egal, scheint wohl dazuzugehören und ändern kann ich das ja auch nicht. Nach dieser ersten Ausdauerprüfung (mental) noch Abendessen und dann heisst es früh ins Bett, der Wecker klingelt schliesslich um 2:30 Uhr.

Im Pulk auf den Trails

Wie immer vor einem Wettkampf klingelt der Wecker zwar, aber es ist nicht nötig, weil ich wenige Minuten zuvor von selber aufwache. Die zugegeben sehr kurze Nacht war deutlich erholsamer als die letzte. Entweder weil die Hitze aus dem Zimmer gewichen ist, oder aber die Hitze-Schocktherapie hat gewirkt. Wer weiss? In jedem Fall fühle ich mich nach Frühstück und Kaffee richtig fit und freue mich auf den bevorstehenden Tag. Erstaunlicherweise bin ich überhaupt nicht aufgeregt. Flo, der bei der Busfahrt zum Start neben mir sitzt, geht es ähnlich. Ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass wir in wenigen Minuten bei einer Weltmeisterschaft für Deutschland starten. Aber wir sehen es als positives Zeichen.
Weil der Bus etwas verspätet losgefahren ist, bleibt auch keine Zeit doch noch nervös zu werden. Aussteigen, nochmal kurz in die Büsche und dann fällt auch schon der Startschuss (zum Glück ohne „Highway to Hell“)! 234 Athleten aus 38 Ländern stürmen los. Es geht gleich richtig zur Sache, aber das kennt man ja von anderen Rennen. Der Unterschied ist, dass das auch so bleibt. Nach 20 Kilometern laufe ich immer noch im Pulk. Das Niveau ist extrem hoch. Man merkt, dass nur Läufer mit machen, die von den jeweiligen Nationen nominiert wurden. Ich lasse mich davon nicht verunsichern. Das Rennen hat für mich gut begonnen, ich habe schnell meinen Rhythmus gefunden und die Beine fühlen sich gut an.

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Langer Anstieg, grosser Durst

Bei den ersten technischen Passagen zieht sich das Feld dann doch langsam auseinander. Eine Spitzengruppe hat sich abgesetzt, irgendwo dahinter konnte ich mich positionieren. Ich versuche weiterhin dosiert zu laufen, noch nicht an meine Grenzen zu gehen. Das Rennen ist noch sehr lang, Zeit zum überholen bleibt genug.
Beim langen Anstieg zum höchsten Punkt Serra Amarela hat man einen fantastischen Ausblick auf den Nationalpark Peneda-Gerês. Obwohl die Berge hier kaum 1500 Meter hoch sind, bin ich sehr beeindruckt von der Landschaft. Grüne, saftige Täler, kahle Berggipfel, bizarre Granitfelsen – absolut genial. Das einzige, was mir zu schaffen macht, ist die immer stärker werdende Hitze. Ich muss wie ein Kamel trinken und ratzfatz sind die Softflasks leer. Ich bekomme die erste Krise, schleppe mich so gut es geht in Richtung Gipfel, auf dem es zum Glück Getränke gibt. Ich wundere mich, dass mich ausser Andy Symonds kein weiterer Läufer überholt. Vermutlich bin ich nicht der einzige, der auf dem Trockenen sitzt.

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Mühsames, aber versöhnliches Finale

Nach der rettenden Wasserstelle geht es mir sofort besser. Auf dem Downhill zur 2. Verpflegungsstelle kann ich mich von Tom Owens, der wohl einen schlechten Tag hat, absetzen und schliesse zu Tofol auf. Er sieht ziemlich schlecht aus. Ich will wissen, ob alles in Ordnung mit ihm ist, bekomme aber keine richtige Antwort. Ihm ist wohl nicht nach Smalltalk zumute, was ja verständlich ist, wenn man gerade mit Problemen zu kämpfen hat.
Der Streckenabschnitt bis zum letzten langen Anstieg ist sehr mühsam. Die Sonne brennt, viele kleine Auf- und Abstiege verunmöglichen ein rhythmisches Laufen und klar, so langsam macht sich auch Müdigkeit bemerkbar. Ich versuche das Tempo trotzdem zu halten, was mir auch ganz gut gelingt. Meine ich zumindest. Denn plötzlich stürmt Tofol an mir vorbei. Er ist so schnell, dass ich wohl meine Mühe hätte im ausgeruhten Zustand mitzuhalten. Unglaublich, wenn ich daran denke, wie er vor etwa einer halben Stunde ausgesehen hat. Auch wenn ich im Vergleich zu Tofol krieche, kann ich beim langen Anstieg trotzdem den schnellsten Portugiesen überholen und beim folgenden Abstieg Andy Symonds einholen.
Nach der letzten Verpflegungsstelle laufen wir erst mal zusammen. Wir sind wohl beide zu weichgekocht von den letzten 75 Kilometern und der immer unerträglicher werdenden Hitze um jetzt um die Platzierung zu kämpfen. Spielt ja auch keine Rolle, wenn uns nicht noch jemand einholt, sind wir beide in den Top Ten! Zunächst scheint es, als ob wir das Rennen gemeinsam beenden. Aber als es bei Kilometer 80 wieder bergauf geht, merke ich, dass meine Beine nicht mehr mögen. Die fiesen, kleinen Anstiege in der prallen Sonne ziehen mir den Stecker. Und prompt ist Andy auf und davon. Macht nichts. Lieber so, als auf der Zielgeraden übersprintet zu werden wie beim Transvulcania. Ausserdem ändert es nichts daran, dass ich es bei der Weltmeisterschaft mit einem gigantischen Teilnehmerfeld unter die besten 10 schaffe! Nach gefühlt 1000 weiteren kleinen Schnappern, kann ich dann endlich auf die Zielgerade einbiegen und die letzten Metern geniessen. YES, TOP TEN!

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Ich bin wahnsinnig zufrieden mit dem Resultat und auch mit meiner Leistung – trotz der kleinen Durchhänger. Ausserdem erleichtert, dass es trotz Motivationsloch nach dem UTMB doch noch so gut geklappt. Für das Selbstvertrauen war das enorm wichtig. Jetzt kann ich beruhigt überwintern!

Als besonderes Zuckerl gab es sogar noch eine Medaille! Zusammen mit Flo und Martin, die beide auch ein super Tag hatten, konnten wir die Bronzemedaille in der Mannschaftswertung holen. Das ist schon etwas Besonderes!

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