TAR: Ein harter Kampf mit Happy End

Anders als die anderen Wettkämpfe in diesem Jahr, stand der Transalpine Run schon lange auf meinem Rennkalender. Um genau zu sein seit der WM in Portugal im November letzten Jahres. Denn dort haben Matthias und ich beschlossen, dass wir den 7-tägigen Etappenlauf in den Alpen als Team bestreiten wollen. Für mich war es dann auch ein Höhepunkt in diesem Jahr und dementsprechend habe ich mich richtig gefreut. Motiviert war ich sowieso, allein schon weil man im Team läuft und seinen Partner ja nicht enttäuschen will. Die Vorbereitung lief für uns beide sehr gut. Keine Verletzungen, gute Wettkampfresultate und natürlich die gemeinsamen Trainingsrunden mit mächtig viel Spass. Ja, wir hatten das Gefühl parat zu sein.

Etappe 1: Ein total verkorkster Start

Einen kleinen Dämpfer hat unsere Vorfreude beim Blick auf die Wetterprognosen bekommen. In den Tagen vor und während der ersten Etappe schüttete es wie aus Kübeln und dummerweise sank die Schneefallgrenze auf unter 2000 Meter. Das Wetter und der Schnee selber waren dabei nicht das Problem. Wir befürchteten aber, dass die ohnehin schon recht flache erste Etappe von Fischen nach Lech einer noch flacheren, asphaltlastigeren Alternativroute zum Opfer fallen wird. Und so war es dann leider auch. Wir waren nicht die Einzigen, die etwas enttäuscht waren, aber ändern kann man ja nichts. Also hiess es das Beste draus zu machen.
Auf den ersten elf komplett flachen Schotterweg-Kilometern lief es noch ganz gut. Ohne am Limit zu sein, konnten wir vorne mitlaufen. Aber bei den ersten Anstiegen war leider Schluss. Matthias‘ Beine wollten einfach nicht wie sonst und wir wurden gnadenlos nach hinten durchgereicht. Nicht das, was wir uns erhofft hatten. Zu allem Überfluss ist Matthias dann auch noch massiv umgeknickt, so dass er nicht nur gegen bleischwere Beine, sondern auch gegen Schmerzen am Fussgelenk ankämpfen musste. Im Nachhinein glaube ich, dass ich während dieser Phase einen grossen Fehler gemacht habe. Statt mich um Matthias zu „kümmern“, ihn aufzumuntern, bin ich immer wieder vorneweg gelaufen und habe dann auf ihn gewartet, oder bin zurückgelaufen. Wenn es einem nicht gut geht, ist so etwas natürlich demotivierend und kontraproduktiv. Mir war es in dem Moment nicht bewusst und es war auch nicht böse gemeint. Ich bin halt immer davon ausgegangen, dass Matthias einen kleinen Durchhänger hat, aber jeden Moment den Schalter umlegt und er wieder wie gewohnt losrennen kann. Letztendlich haben wir weit abgeschlagen mit mehr als einer halben Stunde Rückstand auf das Siegerteam das Ziel in Lech erreicht. Nein, das war wirklich nichts.

© Stepahn Wieser

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Etappe 2: Wiedergutmachung

Ob Matthias mit seinem lädierten Knöchel überhaupt starten kann, war am Morgen vor der 2. Etappe zunächst nicht sicher. In der Nacht ist sein ganzer Fuss unförmig angeschwollen und es haben sich Blutergüsse gebildet. Aber wer Matthias kennt, der weiss, dass er so schnell nicht aufgibt und nach ein paar vorsichtigen Geh- und Trabversuchen in der frostigen, klaren Bergluft war klar, dass wir an den Start gehen können. Sehr gut!
Abgesehen davon versprach der Tag deutlich besser zu werden als der gestrige. Herrliches Wetter, eine technische, bergige Etappe ohne nennenswerten Asphaltanteil und ausserdem habe ich mir vorgenommen meine Fehler vom letzten Tag nicht mehr zu wiederholen. Heute wollte ich Matthias so gut es geht unterstützen. Deshalb habe ich das Meiste seiner Pflichtausrüstung in meinem Rucksack verstaut, habe ihm die Stöcke getragen, wenn er sie nicht gebraucht hat, habe bei den Verpflegungsstellen seine Trinkflaschen aufgefüllt und ganz wichtig: ich habe mich hinter ihm gehalten. Auch wenn das alles hilfreich war, es war sicher nicht ausschlaggebend, dass Matthias heute richtig aufdrehen konnte. Unglaublich, wenn man bedenkt wie es ihm gestern ging, oder wenn man einen Blick auf seinen geschwollenen, blauen Knöchel wirft! Am Ende konnten wir die Etappe sogar gewinnen, zusammen mit unseren „liebsten Konkurrenten“ Christoph Lauterbach und Benjamin Bublak.

© Veranstalter

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Etappe 3 und 4: Lang und zäh

Die 3. Etappe von St. Anton nach Landeck war wieder weniger nach unserem Geschmack. Viele Schotterautobahnen im Tal, ein muskelzerstörender 10-Kilometer-Downhill auf Asphalt und ungemütliches Regenwetter. Unter dem Strich lief es dann aber ganz ordentlich. In den Flachpassagen und bergauf konnten wir nicht mithalten, aber je technischer die Downhills, desto mehr Zeit haben wir gut machen können. Am Ende ist ein ganz ordentlicher 3. Platz herausgesprungen.

© Veranstalter

Die 4. Etappe von Landeck nach Samnaun war mir noch von den 4Trails bekannt. Damals lief es bei mir hervorragend und ich konnte vor Tòfol Castanyer ins Ziel einlaufen. Ob es uns dieses Mal ähnlich gut laufen würde?
Der Anfang verlief zumindest ganz vielversprechend. Matthias hat gut in den Wettkampf gefunden und beim langen Anstieg zum Fisser Joch und dem folgenden Abstieg konnten wir halbwegs mithalten. Danach wurde es zwar ziemlich zäh, aber ausser dem führenden Duo Holzinger/Holzner hatten auch die anderen Teams ihre Mühe. Im Abstieg vom höchsten Punkt, der Ochsenscharte, haben wir versucht Benni und Christoph abzuhängen, aber die beiden waren dafür zu stark. Und so liefen wir auch dieses Mal gemeinsam ins Ziel in Samnaun ein.

© Veranstalter

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Etappe 5 und 6: wunderschön, aber wenig erfolgreich

Die 5. Etappe von Samnaun nach Scoul war landschaftlich ein Wucht! Mit Zeblasjoch, Fimberpass und Fuorcla Champatsch standen gleich 3 alpine Übergänge auf dem Programm und das Wetter war zum ersten Mal richtig gut. Leider konnten wir das nicht so richtig in unsere Leistung umsetzen. Vor allem bei den Anstiegen musste Matthias wieder gegen bleischwere Beine ankämpfen und wir mussten einige Teams mehr ziehen lassen. Aber mittlerweile waren Matthias und ich gut eingespielt und haben das Beste aus der Situation gemacht. Platz 4 in der Gesamtwertung ist nicht super, aber viel Zeit haben wir in der Gesamtwertung nicht verloren. Besonders gefreut hat mich, dass die Schweizer Etappe von einem Schweizer Team gewonnen wurde 🙂 Glückwunsch Adrian und Jonathan!
Etappe 6 war etwas besonderes. Zum einen die landschaftlichen Highlight des gesamten Transalpine Runs, die Uinaschlucht und die Hochebene beim Scharljoch mit Traumtrails und Traumpanorama auf das Vinschgau und das Ortlermassiv. Zum anderen der Grenzübertritt nach Südtirol. Auch wenn man eigentlich immer noch Mitten in den Alpen ist, kommt hier südliches Flair auf und die Landschaft im Südtirol ist sowieso unbeschreiblich. Was das Sportliche betrifft, gibt es leider nicht viel Erfreuliches zu berichten. Es verlief noch schlechter als gestern, wir wurden noch weiter nach hinten durchgereicht. Sogar ein Senior Master Men Team hat uns überholt 🙁 Ich müsste lügen, wenn ich behaupte nicht enttäuscht gewesen zu sein. Aber ebenso wusste ich, dass Matthias auch heute wieder alles gegeben hat und ausserdem ist es jetzt ja nur noch eine Etappe!

© Philipp Reiter

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Etappe 7: Eigentlich ein grandioses Finale, aber…

Der Start der letzten Etappe musste um eine Stunde vorverlegt werden, weil die nächste Schlechtwetterfront im Anmarsch war. Sicher die richtige Entscheidung, denn heute stand – TAR-untypisch – alpines, technisches Gelände auf dem Programm. Von daher sicher eine Strecke, die Matthias und mir liegen sollte, aber nach den letzten beiden Tagen war klar, dass wir auch heute nichts mehr reissen konnten. Unser Ziel war eine solide Leistung zu zeigen und den 3. Platz in der Gesamtwertung bzw. den 2. Platz in der Kategorienwertung zu verteidigen. Um es vorwegzunehmen, unser Ziel haben wir erreicht, aber es war alles andere als einfach. Matthias musste wirklich alles aus sich herausholen, hat gekämpft bis (fast) zum Umfallen. Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass ich im Stande wäre mich so zu quälen. Ganz grossen Respekt Matthias, du bist der grösste Kämpfer, den ich kenne!

© Veranstalter

Alles in allem also kein einfacher Transalpine Run. Sowohl für mich, aber vor allem für Matthias. Aber ich glaube, dass wir als Team einen hervorragenden Job gemacht haben. Und darauf kommt es beim Transalpine Rund doch an, oder? Hier wird halt nicht der stärkste Läufer gesucht, sondern das stärkste Team. Das waren wir zwar nicht, aber immerhin das drittstärkste. Matthias, vielen Dank, dass ich diese Woche mit dir erleben durfte!

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Was es sonst noch zu sagen gibt

Von der diesjährige Westroute war ich persönlich nicht sehr begeistert. Am meisten stört mich, dass der Transalpine Run eigentlich gar kein TRANSalpine Run ist. Man hört in Sulden, also ziemlich genau in der Mitte des Alpenbogens auf. Da könnte man mit 7 Etappen sicher weiter kommen, wenn es keine „Queretappen“ wie von St. Anton nach Landeck gäbe. Aber mir ist natürlich auch klar, dass das von der Logistik nicht einfach umzusetzen wäre. Man braucht geeignete Etappenorte mit der geeigneten Infrastruktur und der Bereitschaft dieses Event zu unterstützen.
Die 2., 5. und vor allem die 7. Etappe haben mir wirklich sehr gut gefallen und würde ich so auch im Training laufen. Bei allen anderen hat es für meinen Geschmack zu viele flache Abschnitte auf Asphalt oder Schotter. Das soll keine Kritik sein! Die Route ist ja im Vorfeld bekannt und es zwingt mich ja keiner mitzumachen.

Wir wurden während der ganzen Woche von unserem Vater begleitet und bestmöglich unterstützt. Er hat ein Wohnmobil gemietet und ist damit von Etappenort zu Etappenort gefahren. So hatten wir jedes Mal, wenn wir im Ziel waren alles, was wir brauchten in Reichweite. Und wenn nicht, haben uns die MTBs den Weg verkürzt. Solch ein Rundum-Sorglospaket ist nicht selbstverständlich. Von daher: VIELEN DANK, Papa!

Die Verpflegung auf der Strecke und im Ziel war grossartig. Gels, Riegel, Käse, Wurst, Kekse, Brot, Früchte, Jentschura-Brei, Iso, Wasser, alkoholfreies Bier, usw. – Hunger leiden musste wirklich keiner. Die Pastapartys waren dagegen nicht immer super. Sehr „Pasta-lastig“ und eher „Gemüse-arm“ halt. Rausgestochen hat da ganz klar das Angebot im Bergrestaurant von Samnaun, das war ganz grosse Klasse.

Matthias ist fast das ganze Rennen „Oben ohne“ gelaufen. Die Figur dazu hat er ja, keine Frage, aber wie ging das mit der Pflichtausrüstung? Das wurden wir öfters gefragt. Es lief alles mit rechten Dingen zu. Wir waren jeden Tag mit der kompletten Pflichtausrüstung am Start, haben weder beschissen, noch eine Sonderbehandlung bekommen. Alles, was Matthias nicht in seiner Laufhose verstauen konnte, war in meinem Rucksack.

Gratulation an unsere „liebsten Konkurrenten“ Benni und Christoph, den bärenstarken (im wahrsten Sinne des Wortes) Stefan Holzner und Florian Holzinger, den charmanten Zwillingen Lina und Sanna, dem Dreamteam Marianne und Mathieu und natürlich allen anderen Siegern und Finishern.

One Reply to “TAR: Ein harter Kampf mit Happy End”

  1. Wie immer ein ehrlicher und offener Report von Dir, Stephan! Für die bisherige Supersaison natürlich ein kleiner Dämpfer, Ihr hattet ja sicher mehr erwartet…….dennoch Gratulation und Respekt, Stephan! Diese Rückschritte, Krisen und Einbrüche gehören ja zu einem Sportler- Leben dazu (selbst bei Laien und Laufanfängern wie mir ist das so). Nach der Beschreibung des ersten Lauftages hatte ich als Leser fest mit einem Abbruch, einem Aufgeben, einem DNF gerechnet und beim Lesen der weiteren Etappenberichte hab ich dann öfter gedacht: Ob das Aufgeben nicht „besser“ gewesen wäre??? Aber das macht dann ja jeder mit sich selber aus ……….. – besser, ich fasse mich konkret an meine eigene Nase: Werde ich bei einer ähnlichen Anspannungs-, Herausforderungs- und Überforderungssituation (im Sport, im Job, privat) durchziehen oder besser/ gesünder/ lieber mal „loslassen“, aufgeben und ein DNF zulassen? Grüße vom Schienerberg, Jörg

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