Skyrace Lodrino-Lavertezzo

Tapetenwechsel: Skyrace statt Ultra

Das Pfingstwochenende wollte ich dazu nutzen, um wieder einmal bei einem kurzen, harten Wettkampf teilzunehmen. Ursprünglich sollte es ein klassischer Berglauf sein, also unten Start, oben Ziel, fertig. Beim Suchen nach einer geeigneten Veranstaltung bin ich dann aber auf den Skyrace Lodrino-Lavertezzo gestossen: 21 km mit 2190 Höhen- und 1860 Tiefenmeter über eine spektakuläre Strecke im teils wegloses Gelände. Genial! Das macht mit Sicherheit mehr Spass als mein ursprünglicher Plan und so ein Skyrace bin ich auch noch nie gelaufen. Also: Anmelden und Hotel buchen!

Dolce Vita schon vor dem Rennen

Die Anfahrt ins Tessin (Lodrino liegt südlich vom Gotthard, kurz vor Bellinzona) am Samstag vor Pfingsten war natürlich ätzend, aber was soll’s, beim morgigen Rennen mussten die Beine spritzig sein, da war sowieso Ruhe angesagt. Das einzige, was noch erledigt werden musste, war Kohlenhydrate zu bunkern. Auch wenn Tessin zur Schweiz gehört, die Tessiner Küche ist stark italienisch angehaucht und was uns da vorgesetzt wurde, war schon mal ein Highlight! Penne al Pomodoro per Excellence!

Netzhemd statt Laufrucksack

Der Start war um 8:00 Uhr. Eigentlich eine humane Zeit, wenn man sie mit den Startzeiten von manchen Ultras vergleicht, aber immer noch früh genug, um vor der erwarteten Hitze in Lavertezzo ins Ziel zu laufen. Am Start ging es vergleichsweise gemächlich zu. Kein Remmidemmi und auch keine von oben bis unten mit High-End-Produkten ausgestattete Trailrunner. Hier waren Shorts und Netzhemd angesagt. Einzige Pflichtausrüstung: ein Windschutz. Auch das war mal wieder herrlich: Frei zu laufen, ohne Rucksack auf dem Rücken! Ja, ich habe mich richtig auf den Lauf gefreut, war aber auch sehr aufgeregt!

Auf geht’s – und wie!

Ganz ohne „Highway-to-Hell-Gewummer“ ging es dann los. Erst ein Kilometer topfeben auf Asphalt durch Lodrino und dann war auch schon Schluss mit lustig: Auf den nächsten 5 Kilometer mussten gut 1500 hm bewältigt werden, alles auf wunderschönen, wurzligen, steinigen Trampelpfaden! Ich habe schnell meinen Rhythmus gefunden und konnte mich nach dem obligatorischen schnellen Anfang auf dem 3. Rang positionieren. Vor mir kletterten der spätere Sieger Walther Becerra aus Spanien und der in Südtirol lebende russische Orientierungsläufer Mikhail Mamleev (mittlerweile ist er Italiener). Ich habe mich wirklich gut gefühlt, meine Beine waren locker und die beiden Führenden blieben stets im Blickfeld. Doch dann, nach den ersten 1000 Höhenmetern hörte ich den Atem eines Verfolgers – es war der Schweizer Bergspezialist Patrick Feuz –, der kurz darauf an mir vorbeizog. Ich wollte nicht abreissen lassen und es gelang mir tatsächlich, mich an seine Fersen zu heften. Zusammen kamen wir dem Führungsduo immer näher und am Ende des ersten langen Anstiegs haben wir sie eingeholt. Auf dem folgenden, flacheren Streckenabschnitt auf wirklich genialen, ganz schmalen Trails liefen wir zunächst in einer Vierergruppe, doch als es wieder mehr und steiler bergauf ging, haben sich die beiden Becerra und Feut wieder absetzen können. Sie waren einfach einen Tick stärker.

Der Höhepunkt: diretissima auf die Forcarella di Lodrino

Das genussvolle Laufen wurde am Ende des Lodrino-Tals jäh unterbrochen. Jetzt kam der spektakulärste Streckenabschnitt, das Markenzeichen dieses Skyraces: Der brutal steile Anstieg (ca. 400 hm auf 0.8 km!!) auf weglosem Gelände diritissima nach oben zum höchsten Punkt, der Forcarella di Lodrino (2236 m). Ja, es war brutal, trotzdem hat die Quälerei Spass gemacht. Geil, weil steil eben. Oder besser: sehr geil, weil sehr steil! Meine Beine liessen mich auch hier nicht im Stich, ich konnte den Wahl-Südtiroler distanzieren und habe auf das Führungsduo wieder Boden gut machen können. So habe ich an 3. Stelle den höchsten Punkt passiert und fühlte mich immer noch sehr gut. Ein Podiumsplatz sollte also drin sein.

Das Beweisfoto: es war wirklich verdammt steil!

Das Beweisfoto: es war wirklich verdammt steil!

Im Sturzflug Richtung Versazca-Tal

Dachte ich. Aber nicht lange. Obwohl es hervorragend lief und ich gefühlt schnell unterwegs war, hat mich Mamleev auf dem extrem technischen oberen Teil des Abstiegs überholt. Es war wirklich beeindruckend wie schnell dieser Kerl bergab rennen kann! Technisch war er einfach besser als ich. Punkt. Klar, habe ich versucht dran zu bleiben, habe alles riskiert, doch der Abstand wuchs weiter an. Als es etwas flacher und die Trails ein Tick „laufbarer“ geworden sind, kam er wieder in mein Blickfeld. Vielleicht ist doch noch ein Podiumsplatz drinnen? Nach einer kurzen Flachpassage mit kurzen Gegenanstiegen war ich ihm wieder auf den Fersen. Als dann die 1-Km-Markierung kam wusste ich, dass wohl die Wegbeschaffenheit über die Platzierung entscheiden würde: Steil und technisch, dann macht’s Mamleev, ansonsten habe ich vielleicht noch eine Chance! Leider war der letzte Kilometer wieder sehr steil und technisch und der frühere Profi flog regelrecht über den Knochenbrecher-Weg und hat sogar noch den Schweizer Peter Feutz überholt! Chapeau, ich ziehe meinen Hut.

Enttäuschung über den 4. Platz? Eigentlich nicht!

Natürlich ist man als Viertplatzierter so knapp hinter 2 Konkurrenten erst mal enttäuscht. Aber als ich auf meine Uhr geschaut habe, ist die Enttäuschung schnell verflogen: Mit meiner Zeit von 2:41:39 h bin ich nämlich 2 Minuten unter dem alten Streckenrekord geblieben. Mein Gefühl, dass ich heute ausgesprochen gute Beine hatte, dass ich wirklich alles gegeben habe, wurde dadurch bestätigt. Meine Form passt also.

Ja, es war ziemlich knapp.

Ja, es war ziemlich knapp.

Mein Fazit zum Skyrace Lodrino-Lavertezzo

  • Geniale Strecke
  • perfekte Organisation
  • super Zielverpflegung (Pasta, die frisch gekocht wurde)
  • 100% zufrieden mit der Zeit, weniger zufrieden mit der Platzierung
  • Skyrace ist geil, es muss nicht immer Ultra sein
  • Verbesserungsposition auf sehr technischen Bergab-Passagen
  • Tessiner sind ausgesprochen herzliche Leute
  • Lodrino ich komme wieder!

2 Replies to “Skyrace Lodrino-Lavertezzo”

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