Skibergsteigen hinter dem Mond links

Dass man im Prättigau und insbesondere rund um St. Antönien hervorragend Skitouren machen kann, muss ich eigentlich nicht erwähnen. Es hat schon seinen Grund, weshalb die Parkplätze an einem schönen Wochenende randvoll gefüllt sind. Dabei ist das Gebiet hinter dem Mond links vor allem für seine zahlreichen Genussskitouren bekannt. Es gibt zahlreiche Gipfel, die problemlos mit den Skiern bestiegen werden können und genussvolle Abfahrtsvarianten bieten. „Richtige“ Skibergsteiger, die es auf technisch anspruchsvolle, hohe Gipfel zieht, findet man hier eher selten (Die tummeln sich alle im Wallis…). Zwar können die Prättigauer Gipfel in Punkto Höhe nicht mit den Bergriesen im Wallis mithalten, sie erreichen nicht einmal die 3000er-Marke, aber Skitouren mit reichlich Nervenkitzel gibt es auch hier! Man muss nur weg von den sanften Grasbuckeln und hinein in die imposanten Felswände des Rätikon. Diese wiederum sind eher bei den Kletterern bekannt. Dass man sie auch mit Ski besteigen kann, ist vor allem beim Blick vom Süden kaum vorstellbar. Aber es geht! Bei der Sulzfluh und dem Grossen Turm auf der Normalroute sogar recht einfach. Nicht so bei der Drusenfluh. Hier gelangt man nur über die Blodigrinne, im Sommer ein Klettersteig, zum Gipfel. Die Route ist in keinem Skitourenführer aufgeführt, aber eine Handvoll Gipfelbuch-Einträge lassen darauf schliessen, dass auch dieser Gipfel ab und zu mit den Tourenskiern bestiegen wird. Und beim Grossen Turm gibt es ebenfalls eine Route, die erfahrenen Skibergsteigen vorenthalten bleibt: das Eistobel.

Drei Highlights an einem Tag

Sowohl Blodigrinne als auch Eistobel stehen seit längerem auf meiner Wunschliste. Aber bisher habe ich mich schlicht nicht getraut, sie in Angriff zu nehmen. Zum Glück fehlen diese beiden Routen auch im umfassenden Palmares von Chris Moser. Als er mich fragt, ob ich mit ihm diese Lücke schliessen will, sage ich sofort zu! Ebenfalls mit dabei ist auch Teamchef Georg Flütsch, der die Blodigrinne ebenfalls noch nicht mit Tourenskiern gemacht hat. Erstaunlich, denn als bergverrückter St. Antönier hat er sonst jeden Quadratzentimeter, den man mit Ski begehen kann, auch schon begangen. Das unterstreicht, wie exklusiv die Blodigrinne ist. Wir haben vor die erwähnten Highlights zu einer Mega-Tour zu kombinieren: Erst von St. Antönien via Gemschtobel auf die Sulzfluh, Abfahrt durch den Rachen zur Lindauer Hütte, via Blodigrinne auf die Drusenfluh und auf gleichem Wege wieder runter, durchs Sporatobel auf den Grosse Turm, Abfahrt durchs Eistobel zur Lindauer Hütte und von dort übers Drusator wieder zurück nach St. Antönien.

Sulzfluh/Rachen

Los geht’s um kurz vor 8:00 Uhr in St. Antönien. Der erste Anstieg via Gemschtobel auf die Sulzfluh ist heute die erste Herausforderung. Zumindest, wenn man versucht auf der glasig gefrorenen Aufstiegsspur zu bleiben. Irgendwann wird es uns zu mühsam und wir montieren die Harscheisen. Das wäre die erste Prämiere vom heutigen Tag. Kurz vor dem Gipfel kommt uns Georg entgegen. Er ist etwas früher gestartet, weil er (völlig unbegründet) meint, dass wir zu schnell für ihn seien. Die Abfahrt durch den Rachen ist heute nur wegen der Landschaft der Hammer. Die Schneeverhältnisse sind eher mittelprächtig: Presspulver bzw. pistenartig eingefahren.

Der erste Gipfel in Reichweite

Drusenfluh/Blodigrinne

Der Anstieg zur Drusenfluh beginnt gemütlich. Es ist recht flach und rund um die Lindauer Hütte ist die Route mehrspurig ausgebaut. Das ändert sich, als wir auf rund 2000 Metern links abbiegen und auf die unübersehbare Öffnung in den Felswänden der Drusenfluh zusteuern. Die Blodigrinne sieht nicht nur steil aus, sie ist es auch! Auf den nächsten 500 Höhenmetern im 35° bis 45 ° steilen Gelände ist eine sichere Spitzkehrtechnik Pflicht. Der Schnee ist zwar recht hart, aber trotzdem griffig. Zum Glück, denn im vereisten Zustand wollte zumindest ich hier nicht mit den Skiern hinauf. Bis zum Blodigsattel gilt es zwei Steilstufen zu überwinden. Gute Verhältnisse vorausgesetzt, könnten man diese auch mit den Skiern überwinden.

Der Einstieg zur Blodigrinne. Sieht flacher aus, als es ist…

Ich ziehe es jedoch vor, kurz zu Fuss aufzusteigen. Ab dem Blodigsattel ändert sich das Gelände komplett: statt von gigantischen Felswänden umgeben zu sein, erstreckt sich jetzt ein Rücken zum Gipfel. Der ist zwar ähnlich steil wie die Rinne davor, allerdings wird sie auf beiden Seiten von Felsabbrüchen begrenzt. Ab jetzt ist Stürzen verboten! Mit höchster Konzentration steigen wir bis zu einem Felsaufschwung knapp unter dem Gipfel auf. Ganz coole Socken könnten jetzt nach links in die 45° steile Ostflanke queren und bis zum Gipfel mit den Skiern aufsteigen. Wir bevorzugen allerdings mit aufgebundenen Skiern durch den drahtseilgesicherten Felsaufschwung zu kraxeln. Danach haben wir es geschafft und stehen tatsächlich auf der Drusenfluh! Wow, einfach nur Wow!

Traumhaftes Panorama auf der Drusenfluh

Bevor mit dem gebührenden Respekt abfahren, können wir noch den oberen Teil des Eistobels studieren. Zumindest von hier sieht das nicht minder anspruchsvoll aus. Es wird also spannend bleiben. Die Abfahrt macht tierisch Spass. Wie in einer riesigen Halfpipe kann man hier seine Schwünge ziehen.

Grosser Turm/Eistobel

Danach heisst es wieder Anfellen und auf zum nächsten Highlight! Auf einer top angelegten Autobahnspur geht es durch den Sporatobel zum Grossen Turm. Wieder atemberaubend schön, aber deutlich einfacher als der Anstieg zuvor. Die Gipfelpause fällt deutlich kürzer aus als auf der Drusenfluh. Hatten wir diesen Gipfel für uns alleine, tummeln sich auf dem Grossen Turm jede Menge Skitürler. Wen wundert’s, wenn ein so prachtvoller Gipfel relativ einfach mit den Skiern bestiegen werden kann? Leider beschliesst Georg nicht mehr mit uns durchs Eistobel abzufahren. Er wird direkt übers Drusator zurück nach St. Antönien gehen. Wir beschliessen aber uns in Partnun zu treffen, um diesen Traumtag gebührend abzuschliessen. Für Chris und mich heisst es aber zunächst einmal: höchste Konzentration. Der Fussabstieg übers Eisjöchle zum Eistobel entpuppt sich als anspruchsvoller und ausgesetzter als erwartet. Es bleibt aber alles im grünen Bereich und wir können die nächste Traumabfahrt durch eine überdimensionierte Halfpipe geniessen.

Eistobel, links Grosser Turm

Zurück in die Schweiz

Zurück bei der Oberen Sporaalpe nahe der Lindauer Hütte, müssen wir beide erst mal Energie nachschieben. Während Chris genüsslich in ein Sandwich beisst, würge ich einen klebrigen PowerBar-Riegel hinunter. Selbst schuld. Immerhin zeigt er schnell Wirkung und der letzte Anstieg zum Drusator empfinde ich als halb so wild. Ein kurzer Abstecher auf den Grat oberhalb der Carschinahütte erlaubt uns unterhalb der Sulzfluh zum Brunegg zu queren und von dort die letzten Schwünge in den weichen Sulzschnee zu setzen. Nach gut 7 h und 4’000 Höhenmeter erreichen wir Partnun, wo Georg bereits auf uns wartet. Jetzt dürfen wir uns über einen in allen Belangen fantastischen Skitour freuen – Prost!

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 35 km

Auf-/ Abstieg: ca. ± 4’00 m

Schwierigkeit: S

 

Alle Bilder von Chris Moser

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