Selun, Frümsel, Brisi, Zuestoll, Schibenstoll, Hinderrugg und Chäserrugg

Mein privates Laufprojekt im letzten Jahr war es, den Prättigau Höhenweg von Landquart nach Klosters abzulaufen. In diesem Jahr sollen es (unter anderem) die 7 Churfirsten im Obertoggenburg sein. Eigentlich ein nahe liegendes Vorhaben, schliesslich trainiere ich relativ häufig im Obertoggenburg und unter ambitionierten Wanderern und Skitourengängern aus der Region gehört es fast schon zum guten Ton, alle 7 Churfirsten auf einen Streich bestiegen zu haben. Meist wird dabei zwischen den Gipfeln abgekürzt, um sich die z.T. langweiligen Extra-Kilo- und Höhenmeter auf den offiziellen Wanderwegen zu sparen. Ich habe vor darauf zu verzichten – wenn schon, dann richtig!

Die Fakten zu der Tour hören sich zunächst nicht sonderlich spektakulär an: 4500 Höhenmeter und 45 Kilometer sind nicht soo viel. Dennoch ist die Tour ganz schön happig, da es entweder sacksteil bergauf oder sacksteil bergab geht. Zudem sind die Wege sehr technisch, grösstenteils ist es kein Laufgelände. So bleibt einem kaum Zeit zur Erholung und man muss immer hochkonzentriert sein. Das ist mir schon vor der Tour bewusst, da ich jeden der 7 Gipfel bereits erklommen habe.

Mindestens genauso schwierig war es, einen passenden Termin zu finden! Viele Wochenenden sind durch Wettkämpfe blockiert, in den Wochen davor und danach macht solch eine Gewalttour keinen Sinn und natürlich sollte auch das Wetter zumindest einigermassen sein (wenn ich auf richtig gutes Wetter gewartet hätte, wäre es in diesem Jahr wohl nichts geworden mit den 7 Churfirsten). Heute, 2 Wochen nach dem Transalpine Run ist es dann endlich so weit, ich nehme die 7 Churfirsten in Angriff!

Selun: ein Altbekannter

Um kurz nach 8:00 Uhr laufe ich in Alt St. Johann los. Die Bedingungen scheinen gut zu sein: angenehme Temperaturen, leicht bewölktes und die Wege sollten dürften durch die niederschlagsfreien vergangenen Tage in gutem Zustand sein. Auf dem Weg zum ersten Gipfel, dem Selun, bestätigt sich meine Vermutung. Eine richtige Wohltat, mal nicht bei jedem Schritt im Matsch zu versinken! Obwohl sich meine Beine schon jetzt schwer anfühlen, komme ich zügig voran und stehe nach 1:15 h auf dem Selun, meinem Standard-Skitouren-Berg. Blöd nur, dass es mittlerweile zugezogen hat und mir die prächtige Aussicht verwehrt bleibt. Aber egal, ich habe ja noch 6 Gipfel mit praktisch gleicher Aussicht vor mir. Auf einem werden sich die Wolken schon verziehen!

#1 Selun

#1: Selun

Frümsel: der Steilste unter den Steilen

Nach dem Abstieg vom Selun folgt der blödste Teil der Tour: die Traverse über die Breitealp und der erste Teil des Anstiegs bis zum Torloch, beides auf Asphalt bzw. Schotterwegen. Nach dem Teil wird’s dafür umso besser: der schmale Pfad schlängelt sich extrem steil den Gipfelplateau hinauf. Die letzten 300 hm werden in nur 0.5 km zurückgelegt, was so steil ist, dass ich zwischenzeitlich immer wieder die Hände zu Hilfe nehme, also „krabble“. Vielleicht nicht ganz elegant, aber ich bin ja allein hier oben 😉 . Nach dem kurzen Stopp fürs Gipfelfoto geht’s sofort wieder unter, denn auch beim Churfirst Nr. 2 gibt’s ausser Nebel nix zu sehen. Der Abstieg und das erneute Travesieren auf Schotterautobahnen fällt mir schwer. Ich bin heute einfach nicht locker. Vermutlich ist der TAR und die anschliessende Erkältung halt doch noch nicht verdaut?

#2 Frümsel

#2: Frümsel

Brisi: Regen, Matsch und eine freudige Überraschung

Der dritte im Bunde ist der Brisi. Ein wunderschöner Berg mit ganz eigenem Charakter. Im unteren Teil dominiert die üppige Vegetation mit vielen Büschen und Blumen, im oberen Teil sind es dann kleinwagengrosse Felsbrocken. Eine herrliche Mischung, weshalb ich den Aufstieg abwechslungsreich und kurzweilig in Erinnerung habe. Jetzt finde ich ihn leider nicht kurzweilig, eher zäh wie Kaugummi. Zudem regnet es mittlerweile, wodurch der Weg ziemlich glitschig wird. Ich frage mich, ob ich das Projekt 7 Churfirsten wirklich durchziehen soll. Vielleicht macht es mehr Sinn nach dem Brisi aufzuhören und es wieder zu probieren, wenn ich besser drauf bin? Ich werde aus den Gedanken gerissen, als ich vor mir zwei sehr sportlich aussehende Wanderer, oder Läufer, sehe. Bei den Anstiegen verschwimmen die Grenzen zwischen Wanderern und Läufern. Es ist so steil, dass auch Läufer wandern und damit Wanderer sind. Naja, ist ja auch egal. Auf jeden Fall ziehen sich die beiden gerade Regenjacken an. Würde ich auch machen, wenn ich statt der minimalistischen S-LAB LIGHT JACKET eine wasserdichte Jacke mitgenommen hätte… Als ich zu den beiden aufschliess, komme ich ins Stocken. Das Gesicht kommt mir doch bekannt vor, das ist doch Denise Zimmermann! Wie sich im Gespräch rausstellt haben sie und ihr Begleiter etwas ähnliches vor wie ich. Aber nicht ganz, sie laufen von Ost nach West und sind in Mels gestartet. Klar, für Denise sind die 7 Churfirsten alleine nicht herausfordernd genug 😉 . Der Smalltalk motiviert mich wieder, ich bin jetzt entschlossen das Projekt durchzuziehen – trotz schwacher Beine, Regen und glitschiger Wege. Dass ich auch auf dem dritten Churfirst in den Wolken stehe, muss ich nicht extra erwähnen – also schnell weiter zum Zuestoll! Beim Abstieg komme ich überhaupt nicht schnell voran. Die schmierseifenähnliche Schicht auf den Pfaden in Kombination mit einem Citytrail-Schuh und den müden Beinen verhindern das.

#3 Brisi

#3: Brisi

Zuestoll: ein Lichtblick

Mittlerweile bin ich fast 4 Stunden unterwegs und habe knapp 3000 positive Höhenmeter hinter mir. Bevor ich den technisch anspruchsvollsten Churfirsten, den Zuestoll, in Angriff nehme, will ich etwas essen. Auf einem der leicht ausgesetzten Kraxelpassagen unterzuckert zu sein, wäre nicht von Vorteil. Aber was muss ich feststellen? Ich habe doch tatsächlich meinen Proviant vergessen! Ausser dem „Notfall-Gel“ ist nichts im Rucksack, auch nach mehrmaligem Durchsuchen nicht… Naja, besser als gar nichts, also rein damit. Das Gel wirkt, mir geht es deutlich besser. Mittlerweile haben die Schauerwolken sogar der Sonne Platz gemacht und so kann ich auf dem Gipfel endlich die Aussicht auf den Walensee und die Glarner Berge geniessen, herrlich 🙂

#4 Zuestoll

#4: Zuestoll

Schibenstoll: Nicht zu unterschätzen!

Der Schibenstoll ist eigentlich der leichteste Gipfel. Nicht ganz so steil, weniger technisch und ausserdem hat der Anstieg nicht einmal 500 hm. Aber leider merke ich schon beim Queren des Karrenfeldes, dass das Gel seine Wirkung verliert. Die Dinger sind ganz schön tückisch. Wenn man permanent nachschiebt ist alles gut, aber wehe man hört damit auf! Dann wird’s richtig hart und der vermeintlich unproblematische Schibenstoll wird zur Herausforderung. Irgendwann stehe ich dann doch oben und es scheint sogar die Sonne. Es wäre mir lieber, wenn es neblig wäre, denn vom Schibenstoll kann gut man den Anstieg zum Hinderrugg sehen. Und der ist sehr viel länger als der zum Schibenstoll!

#5 Schibenstoll

#5: Schibenstoll

Hinderrugg: 700 nicht enden wollende Höhenmeter

Über den Anstieg zum Hinderr will, oder viel mahr kann ich nicht viel schreiben. Abgesehen vom ersten Churfirst, dem Selun, ist es der Anstieg mit den meisten Höhenmetern. Da er zudem relativ „flach“ ist, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis ich endlich die letzten Kehren hinauf zum Gipfel erreiche. Eigentlich ein schöner Weg, da man schon jetzt den mehrfach erwähnten Ausblick hat – und nicht erst, wenn man den höchsten Punkt erreicht hat. Aber mittlerweile schaue ich nicht mehr so viel in die Berglandschaft, sondern stiere emotionslos auf den Weg unmittelbar vor mir. Erst als ich den verhältnismässig grossen und flachen Gipfelbereich erreiche, kommen die Lebensgeister zurück. Ich bin unglaublich erleichtert, dass ich es trotz allem doch noch geschafft habe. Der aufmerksame Leser mag sich jetzt fragen: Moment, der Hinderrugg ist doch erst der 6. Churfirst! Einer fehlt noch! Das stimmt natürlich, aber Hinderrugg und Chäserrugg sind im Prinzip nur ein Berg, die „Gipfel“ sind nur durch einen 14 m hohen Sattel voneinander getrennt. Wenn man ganz genau ist, dürfte man den Chäserrugg nicht einmal als Nebengipfel des höheren Hinderrugg bezeichnen, denn hierfür müsste der Sattel mindestens 30 m hoch sein. Naja, eigentlich sind mir solche akademischen Definitionen im Moment völlig egal. Also, weiter zum Chäserrugg!

#6 - Hinderrugg

#6: Hinderrugg

Chäserrugg: kein würdiges Finale 🙁

Nicht nur, dass der Chäserrugg eigentlich kein richtiger Gipfel ist, er ist auch mit Abstand der hässlichste der 7 Churfirsten. Statt einem luftigen Gipfelkreuz erwartet mich eine riesige Baustelle an einer Bergstation. Gerade gut, dass es wieder zugezogen hat, so viel will ich von der Landschaftsverschandelung gar nicht sehen!

#7: Chäserrugg

#7: Chäserrugg

Immerhin ist der Wanderweg hinab ins Tal so hergerichtet, dass ihn auch artfremde Touristen begehen können. Normalerweise würde mich auch das stören, aber in meinem jetzigen Zustand ist mir das gerade recht. Auf einem ruppigen Abstieg à la z.B. Frümsel wäre die Verletzungsgefahr doch gross. So kann ich es einfach rollen lassen und erreiche nach 7:20 h das Auto in Alt St. Johann. Das sind zwar 20 Minuten länger, als beim ersten Mal, aber das stört mich überhaupt. Ich bin trotzdem überglücklich und ein kleines bisschen stolz es (trotz allem) geschafft zu haben!

Trotzdem: ich werde diese Runde nochmal laufen, aber dann mit gescheiten Trailrunning-Schuhen und vor allem ausreichend Verpflegung 😉

Hier gehts zum Move

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