Schanfigg-Umrundung als Tagestour

Von der Idee zur Umsetzung

Die Idee das Schanfigg „möglichst weit oben“, alo nicht auf dem Schanfigger Höhenweg, zu umrunden kam mir, als ich zum ersten Mal die Hochwangkette überschritten habe. Auf dieser Tour hat man den möglichen Routenverlauf nämlich ständig vor Augen. Natürlich ist der Anblick respekteinflössend, aber eben auch sehr verlockend. Nachdem ich die Tour grob auf den digitalen Wanderkarten abgeklickt hatte, wusste ich anhand der Eckdaten, dass sie an einem Tag machbar sein sollte. Der genaue Routenverlauf war auch schnell klar: Von Chur aus die komplette Hochwangkette bis zum Chistenstein überschreiten, hinunter zum Grünsee, dann über den Weissfluhgipfel zum Strelapass. Von dort über die zahlreichen Furggas (Schwifurgga, Tiejer Fürggli, Maienfelder Furgga, Schiesshornfurgga, Valbella Furgga) auf den Sandhubel und via Murterus ins Welschtobel. Wieder hoch zum Erzhorn und dann die farbigen Hörner über Lenzerheide (Aroser Rothorn, Parpaner Rothorn, Parpaner Schwarzhorn) mitnehmen. Der letzte Gipfel sollte der Güraletsch sein, bevor es übers Churer Joch wieder zum Ausgangspunkt geht. Insgesamt also rund 85 Kilometer und 7000 Höhenmeter. Die erste grosse Herausforderung bei solch einem Vorhaben ist einen geeigneten Tag zu finden. Die Verhältnisse sollen gut sein, das Wetter muss stabil sein und die Tage möglichst lange sein, damit man nicht stundenlang in der Dunkelheit unterwegs ist. Und natürlich muss man auch frei haben!
Am 2. Montag im August passt endlich alles und ich kann meinen Plan endlich in die Tat umsetzen.

1. Abschnitt: Von Chur zum Grünsee mit Überschreitung der Hochwangkette

Los geht es um 5:30 beim Krematorium in Chur. Es ist noch ziemlich dunkel und beim ersten Anstieg zum Furhörnli im Wald stolpere ich ein paar Mal über Wurzeln. Aber das nehme ich gerne in Kauf um auf eine Stirnlampe verzichten zu können. Die Überschreitung der Hochwangkette will ich hier nicht weiter erläutern, sie wurde in mehreren Berichten ausführlich beschrieben. Die Verhältnisse sind heute doch nicht ganz einfach. Durch die Niederschläge der letzten Tage und dem Tau ist der Grat feucht und schlüpfrig. Mit der nötigen Vorsicht aber kein Problem. Unangenehmer ist eigentlich der Abschnitt zwischen Hochwang und Mattjisch Horn auf „Wanderwegen“. Denn diese sind aufgeweicht und von den weidenden Kühen total zertrampelt – typische Prättigauer Verhältnisse also 😉 Vom Chistenstein steige ich zwischen Haupt- und Ostgipfel in der steilen Grasflanke ab und quere unterhalb der Felsen zum Verbindungsgrat zur Drimarchenspitze. Von dieser geht es dann weglos hinab zum Grünsee, wo ich wieder auf einen Wanderweg stosse.

2. Abschnitt: Vom Grünsee zum Welschtobel über Weissfluhgipfel, einsame Furggas und Sandhubel

Damit ist der erste Abschnitt und die ersten 3’000 Höhenmeter geschafft. Der zweite beginnt mit dem langen Anstieg zum Weissfluhgipfel. Schon im Vorfeld war klar, dass es kein Vergnügen sein wird im Geröll auf der Skipiste aufzusteigen. Aber der Untergrund ist so lose, dass ich mich schnell dazu entscheide in den etwas kompakteren Fels daneben auszuweichen. Auf dem Gipfel begegne ich zum ersten Mal am heutigen Tag anderen Menschen. Sie tummeln sich hauptsächlich zwischen Restaurant und Aussichtsplattform auf dem Gipfel, wo sie Fotos schiessen. Nach einem kurzen Blick auf das, was hinter und was noch vor mir liegt, mache ich mich schnell wieder auf den Weiterweg. Skigebiete im Sommer finde ich nicht besonders einladend, um längere Pausen zu machen. Die 20 Kilometer bis zum Sandhubel bleibe ich auf den gut ausgebauten Wanderwegen. Natürlich wäre es auch möglich gewesen weitere Gipfel wie z.B. Strela oder eine der zahlreichen Flue mitzunehmen, aber das wäre dann doch zu viel geworden. Aber auch die Variante auf den Wanderwegen darf nicht unterschätzt werden, immerhin müssen 5 zum Teil recht steile Anstiege bewältigt werden und je weiter man sich von den Touristenzentren entfernt, umso technischer werden auch die Wanderwege. Und wunderschön ist es in dieser Gegend sowieso. Am meisten beeidruckt hat mich die Farbenvielfalt zwischen Schwifurgga und Tiejer Fürggli: hier wachsen rosa, blaue und gelbe Blumen auf ebenfalls farbigem Gestein – gelblich, rötlich, grünlich, unterschiedliches grau, es ist fast alles dabei!

Vom Sandhubel kann ich sehr gelenk- und muskelschonend in den Kessel von Muterus absteigen. Es folgt ein kleiner Gegenastieg auf deutlich zu erkennenden Wegspuren zur Martiroz Furrga, von wo mich 2 Steinböcke beobachten und nach einem weiteren Abstieg bin ich auch schon im Welschtobel unterhalb der Ramozhütte. Damit wäre auch der zweite, technisch einfachste Teil geschafft.

3. Abschnitt: Vom Welschtobel über verschiedenfarbige Hörner zurück nach Chur

Bevor ich den letzten Abschnitt in Angriff nehme, gönne ich mir eine kleine Pause am Welschtobelbach. Zugegeben, ich hätte jetzt nichts dagegen in der Ramozhütte einzukehren, was richtiges zu essen (die klebrigen Riegel hängen mir inzwischen zum Hals raus) und einfach den Abend in dieser wunderschönen Bergwelt zu geniessen. Auf der anderen Seite fühle ich mich nach wie vor gut und bin motiviert die Tour wie geplant durchzuziehen. Also weiter geht’s! Der Erzhornsattel ist auf dem blau-weiss markierten Pfad schnell erreicht. Kurz überlege ich, ob ich das Erzhorn rechts liegen lassen soll, schliesslich liegt der Gipfel nicht auf der logischen Route und die Schneereste sehen auch nicht so einladend aus. Letztendlich kraxle ich dann doch durch den steilen und teilweise recht exponierten Gipfelaufbau. Zum ersten Mal spüre ich deutlich, dass Konzentration, Koordination, Kraft und Beweglichkeit nach über 6’000 Höhenmetern nicht mehr die besten sind. Ich lasse mir deshalb viel Zeit und setze meine Tritte sehr bewusst. Auf dem Gipfel will ich das obligatorische Gipfelfoto machen, muss dann aber erschreckt feststellen, dass ich mein Handy verloren habe. Es muss irgendwo beim Kraxeln auf den Gipfel aus dem Rucksack gefallen sein. Aber obwohl ich beim Abstieg ständig am Suchen bin, kann ich es nirgends entdecken. Ich beschliesse meine Tour ohne Handy fortzusetzen. Es bringt nichts stundenlang zu suchen und am Ende womöglich doch nichts zu finden. Ein Handy leichter geht es also weiter zum höchsten Punkt der Runde, dem Aroser Rothorn. Es ist fast durchgehend eine Wegspur zu erkennen und zahlreiche rote Punkte weisen den Weg, trotzdem ist es kein „offizieller“ Wanderweg. Die roten Punkte finden sich auch auf dem Verbindungsgrat zum Parpaner Rothorn, der heute auch höchste Konzentration erfordert. Die Felsen sind nass und zum Teil liegen noch Schneereste an den schattigen Stellen.

Der Verbindungsgrat Aroser – Parpaner Rothorn. Hier schneefrei.

Es geht alles gut, aber ich bin froh, dass die heiklen Passagen nun vorbei sind. Bis zum Urddenfürggli kann ich es endlich mal laufen lassen, ohne mich physisch und psychisch besonders anstrengen zu müssen. Dass ich dabei auf einer hässlichen Skipiste unterwegs bin, spielt im Moment keine grosse Rolle. Jetzt noch der letzte Anstieg zum Parpaner Schwarzhorn und dann sollte ich das meiste geschafft haben. Als ich den Gipfel erreiche, muss ich einsehen, dass es doch noch ein weiter Weg bis Chur ist. Denn zunächst muss ich auf dem Pfad unterhalb des Öfengrates zum Stelli queren. Jetzt am späten Nachmittag, wo die Schatten wieder länger werden, ist das eigentlich ein Hochgenuss. Aber die zahlreichen kleinen Gegenanstiege und der holprige, teilweise zugewachsene Pfad kosten nun richtig Körner. Beim Übergang unterhalb des Stellis muss ich mich nochmal entscheiden: soll ich den Gürgaletsch noch mitnehmen oder nicht? Da der Wegweiser gerade einmal 15 Minuten veranschlagt, nehme ich auch diesen Gipfel noch mit. Danach sind die Höhenmeter aber endgültig geschafft und es geht nur noch bergab nach Chur! Natürlich werden die Bremsmuskeln auf den 1’800 Tiefenmeter nochmals ordentlich strapaziert, aber das ist im Bewusstsein es bald geschafft zu haben, kein Problem.

Nach 87 Kilometern, 7’150 Höhenmetern und 13:54 h erreiche ich erschöpft, überglücklich und auch ein bisschen stolz es geschafft zu haben wieder den Ausgangspunkt in Chur.

p.s.: Mittlerweile habe ich auch mein Handy wieder 🙂 Eine aufrichtige Wanderin hat es am Erzhorn gefunden und mir zurückgegeben. Vielen Dank nochmals!

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

 

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