Rätikon-Querung

Rätikon-Querung statt Prättigau Höhenweg

Ich kann mich noch sehr gut an mein erstes Laufprojekt erinnern: im Herbst 2013 bin ich den Prättigau Höhenweg von Landquart nach Klosters zum ersten Mal abgelaufen. Im letzten Jahr, mittlerweile im Prättigau wohnend, habe ich die Tour wiederholt und war wie beim ersten Mal begeistert. Es ist einfach eine wunderschöne Laufstrecke! Das einzige Manko ist, dass man ständig den atemberaubenden Blick auf die Rätikon-Felswände hat, aber nie hoch kommt auf die Gipfel. Spätestens als ich zum ersten Mal auf der Schesaplana stand, kam mir die Idee zu einem neuen Projekt. Ich will nicht mehr auf halber Höhe unterhalb der „Schweizer Dolomiten“ laufen, sondern möglichst durch bzw. auf die felsigen Berge! Als Trail-Läufer und Nicht-Kletterer bleibt mir der direkte Weg natürlich verwehrt, aber viele Rätikon-Gipfel sind mit alpinen Wanderwegen problemlos erreichbar. Die Route festzulegen, war kein Hexenwerk, ein Blick auf die Karte und schnell war klar wo es langgehen soll.

Handy weg, Motivation nicht

Ich starte um Viertel nach 5 Uhr in Maienfeld. Ich habe den Zeitpunkt so gewählt, dass ich ohne Stirnlampe starten kann. Im Wald in Richtung Enderlinhütte ist es teilweise noch etwas düster, aber der Weg ist so steil, dass ich sowieso nicht schnell unterwegs bin. Der weitere Anstieg zum Falknis ist immer wieder aufs Neue spannend, insbesondere die Querung unter den Falknistürmen ist genial. Nach etwas weniger als 2 h stehe ich auf dem Falknis, dem ersten Gipfel für heute. Die Stimmung ist magisch. Im Tal ist nebelartige Restbewölkung, hier oben lacht mir die Sonne entgegen. Also unbedingt ein Foto machen! Beim Griff in die Handytasche bekomme ich einen Schreck – da ist nämlich nichts! Ich weiss sofort, dass ich das Handy verloren haben muss. Die anderen Taschen muss ich nicht erst durchsuchen. Denn das Handy habe ich immer in der gleichen, jetzt leeren, Tasche. Kurz überkommen mich Zweifel. Soll ich die geplante Tour trotzdem durchziehen? Es sind schon recht anspruchsvolle und einsame Abschnitte dabei. Wenn mir da etwas passiert…
Natürlich breche ich die Tour wegen dem verlorenen Handy nicht ab. Hätte ich vor 30 Jahren die Tour unternommen, wäre ich ja auch ohne Handy unterwegs gewesen!
Auf dem Abstieg durchs Fläscher Tal geistert mir das Handy noch durch den Kopf, aber spätestens bei der Alp Ijes verschwende ich keine Gedanken mehr daran. Die Alp liegt wie ein Amphitheater eingerahmt von saftig grünen Berghängen. Gigantisch! Es geht weiter übers Barthümeljoch zu einem kurzen Abstecher nach Liechtenstein. Nordseitig des Tschingel quert man zum Hochjoch alias Gross Furgga, wo man wieder die Landesgrenze überschreitet und dann auf der Südseite des Hornspitz zum Salarueljoch alias Chlei Furgga läuft.

Alp Ijes

Alp Ijes (Bild: Wikipedia)

Via Liechtensteiner Höhenweg auf die Schesaplana

Ab hier geht es dann richtig los! Der blau-weiss markierte Liechtensteiner Höhenweg verläuft durch die felsigen Südhänge von Schafberg und Salaruelkopf durchs Schafloch auf den Brandner Gletscher. Bevor man den spektakulär in den Fels gehauenen, aber gut versicherten Steig erreicht, kommt wie erwartet eine sehr heikle Stelle. Es gilt in sehr abschüssigem Gelände ein Schneefeld queren. Ich wusste, was mich erwartet, denn von meinem Büro sehe ich genau diesen Abschnitt 😉 . Letztlich ist es halb so wild. Ich nehme mir Zeit und setze jeden Schritt ganz bewusst. Trotzdem bin ich natürlich froh, als ich wieder festen Boden unter den Füssen habe.
Leider bleibt das nicht lange so. Nach dem Schafloch heisst es nämlich unterhalb der Schafköpfe den Brandner Gletscher zu queren. Trotz zahlreicher Spuren eine sehr mühsame Angelegenheit. Obwohl es kaum bergauf- oder bergab geht, habe ich das Gefühl auf der Stelle zu stapfen. Da fallen mir die letzten 200 hm zur Schesaplana geradezu leicht! Oben angekommen geniesse ich erst einmal die kaum zu übertreffende Aussicht. Einfach Wahnsinn, immer wieder!

Blick von der Schesaplana in Richtung Sulzfluh. Aufgenommen im November letzten Jahres.

Blick von der Schesaplana in Richtung Sulzfluh. Aufgenommen im November letzten Jahres.

Allzu lange bleibe ich trotzdem nicht auf dem Gipfel. Abgesehen davon, dass sich Massen von Wanderern rund um das Kreuz tummeln, liegt noch ein sehr, sehr weiter Weg vor mir. Von der Schesaplana kann man diesen ziemlich gut sehen und so fantastisch er auch aussehen mag, das Ziel in Klosters scheint unendlich weit entfernt zu sein.

Vom flachen Prättigauer Höhenweg zur steilen Sulzfluh

Gestärkt von einem PowerBar Riegel mache ich mich auf den anspruchsvollen Abstieg über die Felswüste der Totalp (was für ein passender Name!) und via Gamsluggen dann wieder hinunter ins lieblichere Prättigau. Es folgt der einzige länger flache und gut laufbare Teil auf dem Prättigauer Höhenweg bis zur Carschinahütte. Ich versuche möglichst kraftsparend zu laufen, was mir gefühlt auch ganz gut gelingt. Trotzdem habe ich beim steilen Aufstieg auf die Sulzfluh durch das Gemschtobel eine ernsthafte Krise. Das Vorankommen in dem losen Geröll ist mit den mittlerweile ziemlich müden Beinen eine Sisyphusarbeit, bei jedem Schritt rutscht man wieder ein Stück zurück. Und permanent sieht man das Gipfelkreuz, aber es will einfach nicht näher kommen. Nachdem ich den zweiten Riegel gegessen habe, geht es wieder besser und der Abstieg über die einzigartigen Karrenfelder mach wieder richtig Spass. Auch die Geologen hätten sicher ihre Freude an diesem Karstplateau!

Zurück in die Schweiz nach einem Abstecher ins österreichische Ländle

Bei der Tilisunahütte werde ich von Bier trinkenden und Kaiserschmarren essenden Wanderern angeschaut, als sei ich ein Ausserirdischer. Entweder sehe ich mittlerweile so fertig aus, oder sie haben noch nie jemanden durch die Berge rennen sehen. Ich lasse mich davon nicht stören und laufe über Gruoben- und Plasseggenpass zurück in die Schweiz. Die Landschaft bleibt einzigartig: gigantische, blasse Karstformationen treffen auf saftig grüne Almwiesen. Und das Beste: mittendurch führt mein Weg!
Vor dem Abstieg über das Plasseggenplateau muss ich nochmal etwas essen. Die Abstände nach denen mein Körper nach Energie schreit werden immer kürzer. Das ist ganz normal, bereitet mir aber jetzt grössere Sorgen. Nach dem Riegel, den ich gerade verdrücke, bleibt nur noch ein einziger übrig. Kurz ärgere ich mich, dass ich nicht mehr mitgenommen habe. Dann beschliesse ich mich nicht verrückt machen zu lassen. Bringt ja eh nichts, an der Situation kann ich nichts ändern.

Bekanntes Terrain?

Nach dem steilen Abstieg durch die Engi, komme ich wieder in mir bekanntes Terrain. Wobei „bekannt“ eigentlich der falsche Ausdruck ist. Im letzten Winter war ich hier zwar sehr oft mit den Tourenskiern unterwegs, doch jetzt im Sommer sieht alles ganz anders aus. Im Winter ist alles so sanft, jetzt sieht man, dass hier in Wahrheit einiges an Geröll herumliegt! Was bleibt sind die gut 500 Höhenmeter hinauf zum Riedchopf. Aber ich bin so damit beschäftigt, die Landschaft nach mir vom Winter bekannten Punkten abzusuchen, dass ich schneller oben bin, als gedacht.

Blick vom Riedchopf in Richtung Sulzfluh (Bild Tobias Reiner)

Blick vom Riedchopf in Richtung Sulzfluh (Bild: Tobias Reiner)

Das Ziel, aber auch ein Gewitter rücken näher

Ich steige noch schnell auf den namenlosen Pt. 2540, von wo die restlichen Kilometer gut zu erkennen sind. Was ich sehe, löste gemischte Gefühle bei mir hervor. Einerseits scheint das Rätschenjoch nur noch einen Katzensprung entfernt zu sein, andererseits nähert sich von Süden eine schwarze Wand. Bis jetzt hatte ich Glück mit dem Wetter, aber die Schweizer Wetterfrösche haben im Laufe des Tages zum Teil heftige Gewitter vorhergesagt. Ich befürchte sie liegen ganz richtig mit ihrer Prognose 🙁 Würde das Gewitter schon toben, würde ich natürlich abbrechen. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich gerade noch rechtzeitig übers Rätschenjoch kommen kann. Also los, keine Zeit verlieren! Der Pfad übers St. Antönier Joch, hinab zu den Gafier Seen und wieder hinauf zum Gafier Joch ist ein Traum. Nicht ganz einfach zu laufen, aber mit tollen Ausblicken ins Prättigau einerseits und Österreich andererseits. Würde der Ausblick nicht immer mehr von den aufziehenden Gewitterwolken verschluckt, könnte man ihn richtig geniessen. So aber fühle ich mich etwas gehetzt. Beim letzten Aufstieg zum Rätschenjoch läuft es wie geschmiert. Ob das am Riegel liegt, den ich eben gegessen habe? Oder doch am Gewittergrollen, das mittlerweile beängstigend nah ist? Oder an beidem? Egal, ich erreiche das Rätschenjoch zwar bei einsetzendem Regen, aber die Gewitterzelle scheint sich weiter östlich, bei der Madrisa auszutoben.

Finale mit Schönheitsfehler

Trotzdem bleibe möchte ich so schnell wie möglich nach Klosters. Das sind immerhin noch rund 10 Kilometer und 1500 Tiefenmeter. Da kann sich die Zugbahn des Gewitters durchaus noch ändern. Zum Glück sind die Pfade durch die Chüecalanda nicht mehr so ruppig, ich kann es also gut laufen lassen und die Anspannung löst sich. Das Ziel ist so langsam greifbar.
Doch plötzlich durchzuckt mich ein ekelhafter, stechender Schmerz an meiner linken Kniescheibe. Erst kapiere ich nicht, was passiert ist. Doch dann sehe ich, gut hinter saftigem Gras versteckt, den Felsen, der von der Seite in den tief eingeschnittenen Pfad ragt. Da muss ich mit Volldampf reingebrettert sein. Das Knie schwillt sofort an und es zu beugen tut schrecklich weh. Aber nach den ersten gehumpelten Schritten weiss ich, dass wohl nichts Schlimmeres passiert ist. Eine schmerzhafte (Knochen? -) Prellung, aber sonst ist wohl alles im Lot. Mit zusammengebissenen Zähnen fange ich wieder an zu laufen. Es geht. Zwar nicht mehr locker, aber so, dass ich zügig hinunter nach Klosters kommen sollte.
Als ich wenig später im eigentlich ganz angenehmen Gewitterregen den Bahnhof in Klosters erreiche, sind die Schmerzen fast vergessen. Ich habe es geschafft, mein diesjähriges Projekt „Rätikon-Querung“ und es hat verdammt viel Spass gemacht! Überglücklich und platt wie eine Flunder kann ich jetzt auf den Zug warten, der mich zurück nach Schiers bringt.

Wegen des verlorenen Handys gibt’s leider keine Bildergalerie 🙁

Hier geht’s zum Move

3 Replies to “Rätikon-Querung”

    • Vielen Dank für die Blumen, Steve.

      UTMB… Ehrlich gesagt wäre mir wohler, wenn er nur halb so lang wäre. Mal schauen wie es wird.

      Gruss, Stephan

      • Das wird schon Stephan

        Einfach mit der Einstellung rangehen, wie du an die anderen Wettkämpfe und deine Projekte rangehst und dann rockst du das Ding!

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