Piz Linard Westwandrinne

Seit ich den Piz Linard zum ersten Mal gesehen habe, bin ich von diesem Berg im Unterengadin fasziniert. Der 3410 m hohe König Linard überragt nicht nur alle anderen Gipfel der Silvretta und des Unterengadins, auch seine Form zieht jeden Bergsteiger in seinen Bann. Zum ersten Mal bestiegen habe ich ihn aber erst im Frühjahr letzten Jahres, denn ein Turnschuh-Berg ist es eigentlich nicht. Die Schwierigkeiten der Normalroute im Sommer und auch der SO-Grat liegen irgendwo zwischen anspruchsvollem Bergwandern und leichter Hochtour. Im letzten Sommer habe ich mich ein paar Mal hochgemüht, aber vor allem die Normalroute bereitet wenig Freude – Schutt, Geröll und ständige Steinschlaggefahr machen den Piz Linard zu einem abweisenden Schönling.
Anders sieht das im Winter oder Frühjahr aus, wenn das ganze lose Material unter einer Schneedecke vergraben ist. Bei gutem Trittschnee ist es der reinste Genuss diesen Berg zu besteigen. Ein richtiger Skiberg ist es aber keiner. Lediglich an seiner Westflanke zieht sich eine 600 m hohe und 40° – 45° steile Rampe/Rinne bis knapp unter den Gipfel, die man bei guten Verhältnissen (und viel Mut) mit Ski befahren kann. Genau diese Westwandrinne sehe ich jedes Mal, wenn ich im Flüelagebiet Skitouren mache. Den wohl besten Blick in diese Route hat man aber vom Gipfel des Hinteren Plattenhorn. Dass ich den Piz Linard genau auf dieser Route besteigen muss, ist klar, seit ich zum ersten Mal auf dem ebenfalls lohnenden Gipfel stand.

Aber ich wollte nicht einfach nur von Lavin hoch und wieder runter. Die Westwandrinne sollte der Höhepunkt einer grösseren, logischen Skitour mit Start in Tschuggen (Flüelagebiet) sein! Im letzten Winter bin ich mehrmals mit Steigeisen und Pickel bewaffnet zu dieser Tour aufgebrochen, aber jedes Mal musste ich mein Vorhanden zähneknirschend abbrechen. Der letzte Spätwinter war zwar sehr schneereich, aber leider hat das Wetter nicht mitgespielt.

Eine Frühjahrsskitour Mitte Januar

Jetzt aber, Mitte Januar (!), sollten die Verhältnisse passen. Es liegt zwar nur wenig, aber dennoch genügend Schnee. Ausserdem ist die Lawinengefahr seit Tagen gering und auch das Wetter wird heute mitspielen. Bei frostigen Temperaturen starte ich kurz nach 8 Uhr in Tschuggen und peile den ersten und letzten Gipfel des Tages an: das Pischahorn. Die erste Steilstufe ist wie im Frühling etwas unangenehm durch den zerfahrenen, überfrorenen Sulzschnee. Aber im Flachteil des Mattjisch Tällis ist der Schnee noch pulvrig. Auch im steilen Gipfelanstieg sind die Verhältnisse besser als erwartet: hart aber griffig. Die Abfahrt durchs Isentälli bietet zumindest teilweise schönen Abfahrtsgenuss. In den schattigen, windstillen Mulden liegt umgewandelter, lockerer Pulverschnee. In Vereina heisst es wieder anfellen und den mühsamen, weil flachen, Anstieg durchs Süser Tal zum Vereinapass in Angriff nehmen. Es soll zwar wieder ein sehr warmer Tag werden, aber durch die zügige Bise im schattigen Tal bin ich doch am frösteln. Das ändert sich aber schnell als ich den Übergang ins Engadin erreiche. Hier scheint bereits die Sonne und der Blick auf mein eigentliches Tagesziel lässt mein Herz schneller schlagen. Das sieht schon steil aus…

Die Westwandrinne

Nach einer kurzen Abfahrt ins Val Sagliains beginnt nun endlich der 1000-Höhenmeter-Abstieg. Je nach Schneeverhältnissen, kann man die ersten rund 400 Höhenmeter noch mit den Skiern aufsteigen. Aber irgendwann muss auch der beste Spitzkehrenkünstler Steigeisen montieren und zu Fuss weiter. Mein Plan ist, dass ich die Skier so lange mit hochtrage, wie ich mir auch zutraue abzufahren. Die Verhältnisse sind in etwa so, wie ich es erwartet hatte: Mal etwas härterer, mal etwas weicherer Presspulver. Entsprechend ist der Aufstieg mal weniger, mal mehr anstrengend. Immer wieder blicke ich zurück, um zu prüfen, ob ich den Hang unter mir noch abfahren kann. Bis hier her war alles im grünen Bereich, erst jetzt liegt eine Engstelle vor mir, die ich höchstens abrutschen kann. Ich beschliesse die Skier bis zum Ende diese Engstelle mitzunehmen und dann weiter zu sehen. Aber das ist nicht notwendig, denn die Engstelle ist zugleich auch das Ende der Westwandrinne! Diesen Teil hätte ich damit schon geschafft, ohne meine Komfortzone verlasse zu müssen. Aber der schwierige Teil liegt ja noch vor mir: der teilweise überwechtete Grat hinüber zum Gipfel. Er ist verdammt ausgesetzt, vor allem die Abbrüche nach Osten sind gewaltig. Wenn man hier einen Fehler macht, stürzt man gut 1500 Meter tief ins Val Lavinuoz ab.

Ich deponiere meinen Rucksack und beschliesse es zu versuchen. Die erste Steilstufe ist knackig, danach wird es zum Glück einfacher. Auch wenn ich sicher nicht den elegantesten Eindruck gemacht haben muss, erreiche ich trotzdem den Gipfel. WOW! Aber wie immer, ist das nur die halbe Miete, nach unten muss ich ja auch wieder. Und im Idealfall nicht auf direktestem Weg ;-). Es geht problemlos und ich erreiche erleichtert meine deponierten Skier und Rucksack. Ach Mist, mein GPS-Uhr habe ich ja am Rucksack befestigt. Die Aufzeichnung kann ich also nicht als Beweis für die Gipfelbesteigung verwenden ;-). Aber Ich habe ja Fotos auf dem Gipfel gemacht. Solche Belanglosigkeiten interessieren mich im Moment aber nicht besonders, denn jetzt heisst es Skier anschnallen und diese Rampe abfahren. Stürzen verboten! Die ersten paar Meter durch die Engstelle bin ich sehr vorsichtig, aber danach wird der Hang breiter und mein Selbstvertrauen wächst. Nach wenigen Minuten ist der Spuk auch schon vorbei. Bei guten Verhältnissen ist das alles halb so wild.

Die nächsten Highlights

Der technisch schwierige Teil der Tour wäre damit geschafft, aber bis zum Auto in Tschuggen ist es noch weit. Sehr weit! Denn ich möchte nicht auf direktestem Weg zurück, sondern das Hintere Plattenhorn mitnehmen und durch das Nordcouloir abfahren. Das ist ebenfalls eine spektakuläre und sehr anspruchsvolle Skitour. Aber nach der Westwandrinne erscheint mir das sehr viel einfacher als die letzten Male. Die Verhältnisse im Aufstieg sind sehr gut. Der südseitig ausgerichtete Hang ist leicht aufgefirnt, so dass ich bis zur Scharte bei Pt. 3045 mit den Skiern aufsteigen kann. Eine kurze Querung zu Fuss, dann der wieder einfache Schlussaufstieg und ich darf ihn wieder bewundern, den grandiosen Blick in die Westwand des Piz Linard. Die Abfahrt durchs Nordcouloir (bis 45°) ist etwas hart und ruppig, aber vielleicht liegt das auch an meinen inzwischen recht müden Beinen?

Das recht abgeblasene Vernela-Tal ist unangenehm flach. Statt dem entspannten Rausgleiten, muss ich immer wieder mit den Stöcken anschieben. Immerhin bin ich so schon aufgewärmt für den letzten Aufstieg. Beim Auffellen merke ich, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen habe. Die Anspannung muss wohl so gross gewesen sein, dass ich das vergessen habe. Ich „geniesse“ also einen nahezu unkaubaren Riegel, bevor ich zum zweiten Mal heute zum Pischahorn aufsteige. Wie erwartet ist das eine äusserst zähe Angelegenheit. Die Beine sind schwer und die Aufstiegsspur ist zugeweht. Aber ich habe ständig den Piz Linard im Rücken. Jedes Mal, wenn ich eine Spitzkehre machen muss, fällt mein Blick automatisch auf ihn und das lässt mich die Strapazen vergessen. Die Abfahrt in der tief stehenden Abendsonne durchs Mattjisch Tälli ist dann noch das Tüpfelchen auf dem I. Denn in den weiten Hängen gibt es noch viel Platz um meine Schwünge durch unzerpflügten, pulvrigen Schnee zu ziehen.

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 38 km

Auf-/ Abstieg: ca. ± 4’400 m

Schwierigkeit: SS-

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