Haute Route Graubünden nonstop

Die Strecke

Ich habe lange überlegt, ob es zulässig ist, diesen Bericht wirklich mit „Haute Route Graubünden“ zu betiteln. Denn ganz auf der Originaldistanz war ich ja nicht unterwegs. Aber ohne folgende Anpassungen hätte ich die 5-Tagestour nicht an einem Tag durchziehen können:

  • Gestartet bin ich nicht auf dem Julierpass, sondern in St. Moritz. Auf dem Julierpass halten nur zwei Mal täglich Busse und zwar zu sehr unpassenden Zeiten (9:29, 10:02Uhr). In St. Moritz hält der letzte Zug kurz vor Mitternacht. Das ist ein perfekter Zeitpunkt um solch eine lange Tour bei den hohen Temperaturen zu starten.
  • Einen Lift oder Bahn/Bus zu benutzen kam selbstverständlich auch nicht in Frage. Daher musste ich im Bereich des Albulapasses eine Alternative suchen.
  • Am schmerzhaftesten war aber, dass ich praktisch alle Gipfel links oder rechts liegen lassen musste. Es wäre so nicht nur zu viel geworden, sondern auch zu gefährlich. Mitten in der Nacht auf mir unbekannten Gipfelgraten rumzuklettern, war mir zu riskant.

Auf der so abgeänderten Strecke sollten 74 Kilometer und gut 6’000 Höhenmeter zusammenkommen. Also eher mehr als bei den Originalrouten. Von daher finde ich es vertretbar von einer Haute Route zu sprechen.

 

Durch die Nacht: grenzwertig

Mit dem letzten Zug ging es von Schiers nach St. Moritz, so dass ich kurz vor Mitternacht starten konnte. Erwartungsgemäss waren die ersten Kilometer durch das nächtliche St. Moritz mit den Ski auf dem Rücken etwas zäh. Um diese Zeit ist der Körper nun mal im Schlaf- und nicht im Sportmodus. Es besserte sich aber, als ich endlich die Ski anschnallen konnte und auf zunehmend tragendem Schnee ins Suvrettatal lief. Und spätestens nach der Alp Chaschigna war die Müdigkeit komplett verflogen. Wie befürchtet gab es keinerlei Spuren, denen ich folgen konnte und so musste ich mich allein auf die eingespeicherte GPS-Route auf meiner Uhr verlassen. Es wäre sicher hilfreich gewesen, wenn ich die Gegend gekannt hätte oder wenn der Mond etwas voller gewesen wäre. So aber hatte ich ein mulmiges Gefühl und habe ernsthaft überlegt das Ganze abzubrechen. Aber die Aussicht mir die restliche Nacht in St. Moritz um die Ohren zu schlagen war auch nicht so toll. Also weiter – konzentriert, langsam und kontrolliert!
Die Abfahrt von der Fuorcla Suvretta hat mir wieder etwas Sicherheit gegeben. Es war kein Problem die Route zu finden und die Verhältnisse waren nicht schlecht. Zwar pickelhart, aber ganz gut zu fahren. Beim nächsten Anstieg zur Fuorcla da Bever sollte es eine Querung geben, die laut SAC Skitourenführer bei harten Bedingungen heikel sein soll. Bei der Planung der Tour war schnell klar, dass das eine Schlüsselstelle der Tour werden würde. Und genau so war es dann auch. Der abschüssige Südosthang war nicht nur hart gefroren, sondern auch von Nassschneerutschen durchsetzt. Die montierten Minimal-Harscheisen haben leider auch nicht sehr viel Sicherheit gegeben und ich war heilfroh, als ich die Passage hinter mir hatte. Der Rest des Anstiegs und vor allem der obere Teil der Abfahrt nach Naz gingen dann wieder problemlos und so langsam war ich mir meiner Sache auch wieder sicher. Erst unterhalb der Baumgrenze wurde es wieder ungemütlich. Auf dem sumpfigen Schnee hatte sich eine nur teilweise tragende Kruste gebildet, so dass die „Abfahrt“ eher einem Tanz auf rohen Eiern glich.
Die Tragepassage auf der Passstrasse nach Preda war dagegen eine richtige Wohltat, aber ich ahnte schon, dass der Anfang des nächsten Anstiegs wieder unangenehm würde. Unterhalb der Baumgrenze wechselten sich apere Stellen mit hüfthohem faulen Schnee ab. Zunächst habe ich ständig die Skier an- und ausgezogen, aber irgendwann bin ich einfach mit den Fellen über den Waldboden gestapft. Weiter oben ging es dann wieder sehr gut, einzig ein paar Lawinenkegel aus der Südflanke des Piz Zavretta hinderten mich ab und zu die Ideallinie zu nehmen. Das war auch der Fall bei der Abfahrt Richtung Albulapass. Nur waren die Lawinen hier riesig. Praktisch die gesamten Südhänge hatten sich entladen.

Endlich Tag!

In der Zwischenzeit war die Sonne aufgegangen. Ideal also, um kurz zu „frühstücken“, das heisst ein Biberli zu verdrücken. So gestärkt ging es vorbei an der Chamanna d’Es-Cha in Richtung Porta d’Es-Cha. Ich weiss nicht, ob es am Biberli lag, oder an der Tatsache, dass die Nacht nun endlich vorbei war, aber ich fühlte mich jetzt voller Energie und Vorfreude auf das, was noch vor mir lag. Die Verhältnisse bei der Porta d’Es-Cha hätten nicht besser sein können. Die Sonne hat den Schnee gerade ein wenig aufgeweicht, so dass man mühelos mit den Skieren aufsteigen und nur die letzten Metern in bestem Trittschnee zu Fuss gehen musste. Auf der anderen Seite dann ein ganz anderes Bild: der Porschabella-Gletscher lag noch im Schatten, es war kalt und der Schnee hart gefroren. Dementsprechend war auch die Abfahrt Richtung Keschhütte kein Vergnügen. So langsam hatte ich genug vom Rattern, es war Zeit für die erste Firnabfahrt! Und die habe ich nach dem kleinen Abstecher über P. 2943 dann auch bekommen. Eine wirklich empfehlenswerte Variante, um von der Keschhütte zur Alp Fauntauna zu kommen.

Im Wettlauf gegen die tageszeitliche Erwärmung

Zwischenzeitlich war es zwar sehr warm geworden, aber die Schneeverhältnisse waren noch sehr gut. Im Aufstieg zum Scalettahorn waren lediglich die obersten Zentimeter leicht aufgefirnt, also sehr angenehm zu laufen. Trotzdem habe ich auf dem ersten Gipfel des Tages nur kurz Pause gemacht, denn wenn ich wie geplant noch über die Rothornfurgga aufs Schwarzhorn wollte, durfte ich keine Zeit verlieren. Im Vorfeld habe ich festgelegt nur dann den steilen Südhang zur Rothornfurgga aufzusteigen, wenn ich vor 11:00 Uhr den Furggasee erreiche und der Schnee noch nicht sumpfig geworden ist. Beide Kriterien waren erfüllt und so konnte ich den zweitletzten Anstieg bei besten Verhältnissen in Angriff nehmen. Nach einer kurzen, aber sehr genussvollen Abfahrt hiess es dann zum letzten Mal anfellen. Das Schwarzhorn sollte der krönende Abschluss dieser Monstertour werden. Wirklich krönend war es dann aber nicht. Insbesondere die Steilstufe zu Beginn des Gipfelaufbaus war extrem aufgeweicht. Nach der heiklen Querung in der Nacht war das die zweite Situation, wo ich mich nicht zu 100% sicher gefühlt habe. Vermutlich wäre es vernünftiger gewesen umzukehren und direkt abzufahren, zumal die Querung unter der steilen Südflanke des Schwarzhorns auch nicht ohne Risiko war. Nun gut, ich hatte mich nun mal so entschieden und deswegen hiess es, nicht viel Zeit zu verlieren. Es ging alles gut und ich konnte erleichtert die Schwünge durch den sulzigen Schnee ziehen. Mit ein bisschen Improvisation habe ich es sogar geschafft bis Tschuggen abzufahren ohne die Skier abzuschnallen 🙂

Natürlich bin ich sehr glücklich, dass ich dieses Projekt in die Tat umsetzen konnte. Trotzdem war es für mich grenzwertig und ich bezweifle, dass ich so etwas nochmal machen werde. Nicht die Länge oder Schwierigkeit der Tour waren das Problem, sondern die Tatsache, dass ich mich zwei Mal überhaupt nicht wohl gefühlt habe. Natürlich ist es immer ein Risiko, wenn man so lange alleine in den Bergen unterwegs ist. Aber man muss jederzeit überzeugt sein, Herr der Lage zu sein.

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

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