Grenzerfahrungen beim Ticino Trail

Zähes Warten auf den Start

Zusammen mit Constantin, Philipp, Matthias sitze ich auf einer unbequemen Bierbank im Startbereich des Ticino Trails. Wie im italienisch angehauchten Tessin nicht anders zu erwarten, waren die eben gegessenen Nudeln ausgezeichnet. Eigentlich könnten wir uns den Helfern anschliessen, ein Glas Wein geniessen und den Abend gemütlich ausklingen lassen. Aber natürlich machen wir das nicht. Stattdessen versuchen wir irgendwie die Zeit totschlagen. Es ist kurz nach 22:00 Uhr, also noch knapp 2 Stunden bis zum Start. Auch wenn wir auf den Alkohol verzichtet haben, werden wir langsam müde und die Gespräche schlafen ein. Während wir so rumlungern, fängt es auch noch an, wie aus Eimern zu schütten, aber sich zu viele Gedanken machen bringt nichts. Es kommt wie es kommt.

Vor dem Start

Vor dem Start (Foto: Matthias Dippacher)

Dunkelheit, Nebel, Trampelpfade

Pünktlich um kurz vor Mitternacht hört es tatsächlich auf zu regnen. Fast schon ein denkwürdiges Ereignis in diesem Sommer! Nach einem kurzen Briefing, das vielmehr eine Warnung vor den extremen Strecken- und Wetterverhältnissen ist, geht es los. Erst kurz durch das verschlafene Faido und dann sofort in den ersten 1500-Höhenmeter-Anstieg. Zunächst geht es noch problemlos zu laufen und kurzzeitig scheint sogar der Mond durch die abziehenden Regenwolken. Doch nach der ersten Verpflegungsstelle ändert sich das Blatt: Wir gelangen in dichten Nebel und aus dem Wanderweg wird mit zunehmender Höhe ein Trampelpfad. Den Markierungen zu folgen ist nun extrem schwierig, und wir kommen mehrfach vom Weg ab. Ich bin unglaublich froh, dass wir zu viert sind. Alleine unterwegs zu sein wäre mir echt zu heikel! Das Vorankommen ist aber nicht nur wegen den schlechten Sichtverhältnissen mühsam, denn der Pfad ist eine Mischung aus nassem, glitschigen Fels und knöcheltiefem Matsch. Es ist also höchste Konzentration gefordert! Auf der anderen Seite hilft das aber auch gegen die Müdigkeit.

Noch ist die Sicht gut!

Noch ist die Sicht gut! (Foto: Matthias Dippacher)

Der neue Tag bricht an

Als wir die dritte Verpflegungsstelle erreichen dämmert es so langsam – endlich! Wir sind alle erleichtert und freuen uns, dass wir nun endlich was von der Landschaft zu sehen. (Nebenbei bemerkt: Das war die erste Nacht, die ich durchgemacht habe.) Die Stimmung ist ausgesprochen gut und wir tratschen wie die Weltmeister. Es fühlt sich überhaupt nicht wie Wettkampf an, eher wie ein gemeinsames Training in den Bergen. Aber das ist sehr gut so! Immer wieder packt Matthias seinen Foto aus und schiesst fleissig Fotos. Kurz vor der Cadlimohütte SAC machen wir sogar ein Gruppenfoto mit Selbstauslöser. Wieso eigentlich nicht? Ob wir 2 Minuten länger brauchen spielt keine Rolle. An Bestzeiten ist bei dem extrem technischen Kurs eh nicht zu denken und von Verfolgern ist weit und breit auch nichts zu sehen.

Gruppenfoto

Gruppenfoto (Foto: Matthias Dippacher)

Die Vierergruppe trennt sich – schade!

Inzwischen haben wir mehr als die Hälfte der Strecke hinter uns und so langsam machen sich die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Dass wir ausgerechnet jetzt auf der einzigen Schotterautobahn des ganzen Wettkampfes bergauf laufen müssen, fordert seinen Tribut. Philipp hat einen kleinen Durchhänger, da er Mühe hat die dringend benötigte Energie zuzuführen. Deshalb entscheiden Consti und ich uns von den anderen beiden zu trennen. Natürlich sind auch unsere Beine sind nicht mehr so locker, weshalb sich der lange Aufstieg zum höchsten Punkt des Rennens ganz schön in die Länge zieht.

Selfmade-Verpflegungsstelle nach dem Gotthardpass

Bis jetzt war das Wetter akzeptabel, da es immer nur kurz und nicht besonders stark geregnet hat. Aber kurz vor dem Gotthardpass schüttet es wie verrückt, so dass wir die dortige grosse Verpflegungsstation herbeisehnen. Wir laufen an mehreren Häusern vorbei, aber eine Verpflegungsstation sehen wir nicht. Die wird bestimmt gleich kommen denken wir und laufen erst mal weiter. Kurze Zeit später reisst die Wolkendecke ein wenig auf und ermöglicht uns den Blick zurück. Wir sehen, dass der Gotthardpass schon ein gutes Stück hinter uns liegt und sehen ein, dass wir die Verpflegungsstation verpasst haben müssen. Erst regen wir uns auf, aber eigentlich haben wir gar keinen Grund dazu. Unsere Essensvorräte sind noch gut gefüllt und Wasser gibt es regenbedingt sowieso im Überfluss. Wir beschliessen also eine kurze PowerBar-Brotzeit zu machen. Als Hauptspeise ein salziger Natural Energy Riegel und als Nachttisch ein Vanille-Gel, wer braucht da noch eine Verpflegungsstelle?

Der Höhepunkt: die Sonne scheint!

Nach der Stärkung geht es uns beiden wieder besser wir haben sogar das Glück, dass sich die Sonne durch die Wolkendecke kämpft. Endlich sehen wir etwas von der atemberaubenden Landschaft! Auch wenn die Beine träge sind und nach Ruhe schreien: Ich geniesse den Moment und freue mich genau jetzt genau hier zu sein.

Eines er vielen Seen

Eines er vielen Seen (Foto: Matthias Dippacher)

Gemeinsamer Zieleinlauf

Es ist beeindruckend wie konstant Consti läuft, insbesondere wenn man bedenkt, dass er heuer noch nicht so viele Kilometern in den Beinen hat. Erst auf den letzten 15 Kilometern muss er ziemlich kämpfen. Aber nachdem er bei der letzten Verpflegunsstelle nochmal ordentlich Energie getankt hat, kann er plötzlich wieder wie der Teufel laufen! Natürlich beflügelt es auch, dass wir unten im Tal den Zielort Airolo sehen können. So vergehen die letzten Kilometer bergab wie im Flug und nach knapp 13 Stunden laufen wir beide zusammen überglücklich ins Ziel.

Consti und ich im Ziel

Consti und ich im Ziel

Philipp hat seinen Rhythmus wieder gefunden und komplettiert das deutsche Podest auf der mittleren Distanz, während Dippi noch viele Kilo- und vor allem Höhenmeter vor sich hat. Er erreicht nach ziemlich genau 22 h als Erster der menschenverachtenden Langdistanz das Ziel. Da haben Philipp, Consti und ich schon ein wenig Schlaf nachgeholt und uns eine käsige Pizza gegönnt 🙂

Der Ticino Trail ist ein absoluter Geheimtipp für alle, die die Herausforderung lieben. Extreme Startzeit, extrem hart, extrem technisch aber eben auch extrem schön!

Danke Constantin, Philipp und Matthias für dieses grossatige Wochenende!

4 Kommentare zu “Grenzerfahrungen beim Ticino Trail

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