Goldener Oktober an einem grauen Nebeltag

ATR – Churfirsten – UTLO!

Als mir mein Arzt diesen Sommer geraten hat, die Wettkampfsaison abzubrechen, hatte ich zwar weiterhin die Hoffnung, dass gegen Ende der Saison noch etwas geht. Aber an einen so anspruchsvollen, 90 Kilometer langen, Wettkampf wie den UTLO, habe ich natürlich nicht gedacht. Das änderte sich, als es beim Arosa Trailrun so gut lief. Erst war es nur ein Gedanke in meinem Hinterkopf, an den ich kaum zu denken wagte. Nach der Tour auf die 7 Churfirsten war aber klar, dass ich wie in den beiden Jahren zuvor ins Piemont fahren werde!

Start mit Verzögerung

Jetzt stehe ich also in Omegna und warte ungeduldig auf den Startschuss. Die kalte, feuchte Nebelluft kriecht mir in alle Knochen, aber vor allem bin ich bis zum Bersten angespannt. Es ist mein erster „richtiger“ Ultratrail in diesem Jahr und durch meine Siege in den letzten beiden Jahren ist der Erfolgsdruck gewaltig. Ich will endlich loslaufen! Es ist schon fünf Minuten nach der geplanten Startzeit. Aber dieses Mal bin nicht ich der Grund für die Verzögerung (letztes Jahr habe ich den Zeitmess-Chip nicht aktiviert), sondern die grosse Anzahl an Läufer und die strenge Ausrüstungskontrolle. Weil die Wetter- und Streckenverhältnisse in diesem Jahr ziemlich garstig sein sollen, muss jeder Teilnehmer seine Ausrüstung vorzeigen. Sehr gut.
Um 5:07 Uhr fällt dann endlich der Startschuss – ohne grosses Tamtam und immer noch ohne „Highway to hell“ 😉 – auch das finde ich sehr gut.

Begegnungen

Wie immer verflüchtigt sich die Aufregung sofort und warm wird mir beim knackigen 500-Höhenmeter-Anstieg nach Quarna Sopra sowieso. Abgesehen von „Befestigungsproblemen“ mit meiner Startnummer finde ich schnell meinen Rhythmus und setze mich mit zwei weiteren Läufern vom Rest des Feldes ab. Wie es bei Trailläufen so ist, fängt man irgendwann an, mit seinen Mitstreitern zu quatschen. Dabei stellt sich heraus, dass Hugo der Gewinner des Marathon Trail Lago di Como ist und der andere Läufer auch Deutscher ist. Genauer gesagt ist es Moritz auf der Heide, den ich nun endlich persönlich kennen lerne. Das ist halt doch etwas anderes als Facebook-Bekanntschaften!

Grau in grau

Schon jetzt zeigt sich, dass die Verhältnisse wirklich garstig sind. Es ist neblig, nieselt leicht und die Wege sind sehr schlüpfrig. Im Wettkampfmodus und Dank der wirklich perfekten Streckenmarkierung ist das zwar kein Problem. Aber so spassig wie im letzten Jahr, wo wir einen wahrlich goldenen Oktobertag hatten, ist es natürlich nicht. Nach dem ersten Gipfel, dem Monte Mazzoccone, muss Moritz leider abreissen lassen und so schlittern Hugo und ich den ersten Abstieg nach Fornero hinunter.
Die erste Verpflegungsstelle ist schnell passiert und bei Tagesanbruch nehmen wir den anspruchsvollen Anstieg zum Monte Croce in Angriff. Wie im letzten Jahr kann ich mich hier absetzen. Es läuft zwar super, aber wegen den fehlenden langen Wettkämpfen bin ich etwas unsicher. Hoffentlich verzocke ich mich nicht!
Oberhalb von rund 1200 m tauchen die ersten Schneereste auf und der Monte Croce ist komplett eingeschneit. Immerhin reisst die Nebeldecke ein wenig auf, aber ausser der nächsten Nebelwand ist leider nichts zuerkennen 🙁 . Ich muss wehmütig an das gewaltige Panorama denken, das man bei schönem Wetter hier hat. Doch es nützt ja nichts, also weiter! Der Weg ist noch lang.

Monte Croce

Monte Croce (Bild: Iwi Li)

Auf und ab und links und rechts

Wer sich das Profil und/oder die Karte des UTLO anschaut, der erkennt sofort, was charakteristisch für den Lauf ist: Es geht ständig auf und ab und die Streckenführung ist sehr verwinkelt. Man verliert leicht die Übersicht und wäre die Streckenmarkierung nicht so gut, man könnte sich leicht verzetteln. Das viele Laub und der Nebel tragen das Ihrige dazu bei. Bei mir spiegelt sich das auch auf den Laufrhythmus wider: ich verliere das Gefühl für Zeit und Distanz. Ich laufe, wenn es flach ist oder bergab geht, ich marschiere, wenn es steil bergauf geht, esse, wenn ich an eine Verpflegungsstelle komme, oder zwischendurch Hunger habe.
Der Rhythmus wird erst unterbrochen, als es ein kurzes Stück am Ortasee entlang geht. Hier hat sich die Strecke leicht verändert. Wir müssen nicht mehr auf der Hauptstrasse laufen, dafür ist es etwas länger (insgesamt hat sich die Distanz von 88 km auf 90 km vergrössert).

Es macht trotzdem Spass!

Es macht trotzdem Spass! (Bild: Yulia Baykova)

Der letzte Anstieg

Im Gegensatz zum letzten Jahr, weiss ich ganz genau, was mich nach dem letzten Verpflegungsposten in Cesara erwartet: ein nicht enden wollender Aufstieg, teilweise auf Asphalt, zur Alpe Berru. Glücklicherweise fällt es mir dieses Jahr leichter, was wohl daran liegt, dass ich nicht zu schnell in den Anstieg gestartet bin und mich ausreichend verpflegt habe. So komme ich halbwegs gut bei der Alpe Berru an und stürze mich in den letzten Abstieg. Zwischendurch wird es noch mal ziemlich zäh – es sind halt doch noch ein paar Kilometer bis ins Ziel.

Das grosse Glück

Die letzten Kilometer an der Uferpromenade mögen für viele Läufer ätzend sein, ich kann sie heute richtig geniessen. Beim Zieleinlauf bin ich dann überwältigt und einfach nur glücklich! Die Wettkampfsaison hat nun doch noch einen versöhnlichen Abschluss gefunden.
Die Reaktion der Zuschauer, Läufer und all den anderen war gigantisch. Danke, dass ich das erleben darf.

Zieleinlauf

Zieleinlauf (Bild: Luciano Serra)

Randnotizen

  • Mit der Zeit von 10:27:44 h war ich 7 min länger unterwegs als letztes Jahr. Damit bin ich mehr als zufrieden, schliesslich war die Strecke knapp 2 km länger und die Verhältnisse deutlich anspruchsvoller.
  • Ebenfalls am Start waren Denise, ihr Freund Franz, Ramon und mein Vater. Alle waren sehr erfolgreich, Denise konnte sogar den 2. Gesamtrang bei den Frauen belegen. Gratulation! Ausserdem hat mir die Zeit vor und nach dem Wettkampf mit euch sehr viel Spass gemacht =D
  • Was die Organisatoren geleistet haben, hat mich schwer beeindruckt. Unermüdlich und mit so viel Leidenschaft für die Sache wurde rund um die Uhr geschuftet. Ein ganz grosses Lob nach Italien!
  • Hier geht’s zum Move

One Reply to “Goldener Oktober an einem grauen Nebeltag”

  1. Super Stephan, herzlichen Glückwunsch!
    Freut mich riesig für dich…echt genial!

    Das Höhenprofil schaut echt gigantisch aus; sehr abwechslungsreich und ebenfalls sehr sympathisch: „Kein Highway to hell!“ 😉

    Klingt wie ein sehr „ursprüngliches“ Event…The Spirit!
    So muss es sein, dann kann man auch mal schlechtes Wetter besser ertragen. 😉

    Viele Grüße aus Bad Reichenhall in die Schweiz

    Steve

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