Game Over nach 47 km

Die Vorgeschichte

Es ist Freitagnachmittag und ich bin zusammen mit meinem Vater auf dem Weg nach Davos zum Swissalpine. Aber es ist nicht wie sonst auf dem Weg zu einem Wettkampf in den Bergen. Statt der üblichen Mischung aus Vorfreude und Nervosität ist die Stimmung bedrückt. Das liegt daran, dass ich Zweifel habe, ob es richtig ist morgen beim K78 zu starten. Seit ich vor drei Wochen den Montafon-Arlberg-Marathon gelaufen bin, plagen mich Schmerzen an der Fusssohle. Die Schmerzen hatte ich schon während dem Wettkampf und ich musste mich damals richtig quälen. Zwar wurde die Quälerei mir dem Sieg belohnt, doch der Preis, den ich dafür zahlen musste, war hoch. Zuerst wollte ich es nicht wahrhaben, schliesslich war ich doch erst im Winter verletzt. Jetzt schon wieder eine Zwangspause einzulegen, kam einfach nicht in Frage. Deshalb habe ich es immer wieder probiert, doch die Schmerzen sind geblieben. Am Freitag vor einer Woche habe ich sogar schon die Organisation des Swissalpine angerufen, um den Wettkampf abzusagen. Allerdings war es schon früher Abend und deshalb niemand mehr zu erreichen. Schlecht, denn an den kommenden 2 Tagen hatte ich wieder viel Zeit zu grübeln und so habe ich meine Entscheidung wieder über den Haufen geworfen. Der neue Plan war bis Mittwoch abzuwarten und erst dann zu entscheiden. Und am Mittwoch hiess der Plan, es zu probieren in der Hoffnung, dass ich eine Wunderheilung erfahren werde.

Grübeln statt schlafen

Wir kommen ziemlich spät in Davos an und nachdem wir die Startnummern abgeholt und (ziemlich schlechte) Pasta gegessen haben, gehen wir ins Bett, versuchen zu schlafen. Zumindest bei mir klappt das nicht, mir schwirren alle möglichen Szenarien, wie der morgige Tag verlaufen könnte, durch den Kopf. Aber das ist nichts Dramatisches, vor Wettkämpfen schlafe ich eigentlich nie gut.

Es geht!…

Kurz vor dem Start sind die Gedanken an mein Wehwehchen zum Glück weg. Es ist eigentlich wie immer: ich bin aufgeregt, habe grossen Respekt vor den Eckdaten des Wettkampfs, freue mich aber auch. Um Punkt 7:00 Uhr geht es los, wie immer beim K78 in einem extrem hohen Tempo. Das schnelle Laufen auf Asphalt fällt mir nicht leicht, aber nur, weil ich das nicht gewohnt bin. Schmerzen habe ich absolut keine, das Adrenalin (?) zeigt Wirkung. Nach ein paar Kilometern wird das Tempo etwas angenehmer und zusammen mit Mirco Berner (mein Partner beim diesjährigen Transalpine-Run) spule ich die ersten 33 Kilometer bis Filisur ab. Es läuft eigentlich ganz gut: die Beine sind noch frisch, die beiden Führenden sind in Sichtweite und meine Fusssohle habe ich komplett vergessen. Das einzige, was mir Respekt bereitet, ist das Wetter: es regnet stark, ich bin nass bis auf die Haut und mein Langarmshirt hängt runter wie ein nasser Sack. „Hättest du doch Wechselkleidung mitgenommen“, geht es mir auf dem ersten längeren Anstieg nach Bergün durch den Kopf.

… doch nicht

In Bergün © Nico Schefer

In Bergün © Nico Schefer

Und dann spüre ich ihn wieder, diesen fiesen, stechenden Schmerz an der Aussenseite der Fusssohle. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wieso taucht der Schmerz wieder auf? Mittlerweile habe ich schon einen Marathon in den Knochen und bis jetzt habe ich doch nichts gespürt! Ich laufe erst mal weiter, hoffe, dass der Schmerz wieder verschwindet. Aber natürlich tut er das nicht. Deshalb fange ich an zu überlegen, was ich machen soll: Schmerz ignorieren und weiterlaufen, oder – aussteigen? In Bergün werde ich vom Sprecher angekündigt, die Zuschauer jubeln und ich weiss, dass meine Ausgangslage nicht schlecht ist. Also beisse ich die Zähne zusammen und laufe weiter. Ich kann doch jetzt nicht aufhören! Aber schon kurz nach Bergün holt mich der stechende Schmerz zurück in die Realität. Ich versuche rational zu bleiben und male mir aus, was passiert, wenn ich jetzt weiterlaufe. Der Transalpine-Run findet in nur vier Wochen statt. Im Gegensatz zum Swissalpine zählt der TAR zu meinem Saisonzielen und bei einem Wettkampf, der sich über 8 (!) Tage zieht, kann man nicht mit Schmerzen an den Start. Da muss man nicht nur 100% fit, sondern auch zu 100% verletzungsfrei sein. Und ausserdem läuft man im Team! Soll ich riskieren, dass ich den TAR absagen muss und Mirco ohne Partner da steht? NEIN!

Ich höre auf zu laufen. Stoppe meine Ambit.

Game Over.

Mein erster DNF.

Die Enttäuschung ist gross

Objektiv betrachtet war es wohl die richtige Entscheidung, dass ich ausgestiegen bin. Trotzdem hadere ich mit mir. Was, wenn die Schmerzen doch wieder verschwunden wären? Was, wenn ich trotz Ausstieg nicht wieder fit werde bis zum TAR? Bis jetzt kam Aufgeben nicht in Frage, habe ich eine Grenze überschritten? Usw… Aber vor allem bin ich enttäuscht und es tut mir Leid, dass ich die Erwartungen an mich und meine eigenen Erwartungen nicht erfüllen konnte.

Übrigens…

Gewonnen hat zum 8. Mal in Folge der Schwede Jonas Buud. Unglaublich stark. Sagenhafter Dritter wurde Mirco, Gratulation und Hut ab, ich hoffe wir können zusammen den TAR unsicher machen!

Bei den Damen hat Denise Zimmermann gewonnen und das, nachdem sie erst vor 2 Wochen den Trail Verbier Saint-Bernard (111 km / ± 8600 hm) gewonnen und letzte Woche beim Eiger Ultra Trail (101 km / ± 6700 hm) aufs Podest lief. Unfassbar.

7 Replies to “Game Over nach 47 km”

  1. Schade, aber sicherlich die einzig richtige Entscheidung.
    Es fällt oft schwer eine solche Entscheidung zu treffen, aber hinterher ist es eigentlich immer richtig.

    Ich wünsche dir auf jeden Fall gute Besserung und alles gute für die Vorbereitung zum TAR!

    Das wird schon werden und dann rockt ihr das Ding!

    Alles Gute

    Viele Grüße aus Bad Reichenhall

    Steve

  2. Kopf hoch, Stephan ! Das wird schon wieder werden (;-)

    Ich rate Dir als Coach und Hobby-Trainer der SG Stern Stuttgart bis zum TAR keine Wettkämpfe mehr zu absolvieren. Was wäre der TAR 2014 ohne Stephan und Mirco (Berner), den ich beim 4 Trail Run kennen- und schätzen gelernt habe. Der dritte Platz beim Swiss Alpine Run ist ein Hammer !

    Die Schmerzen solltest Du sportmedizinisch untersuchen und therapieren lassen (Physiotherapie, Triggerpunkte) und Fußgewölbemassagen durchführen lassen. Gut ist auch die regelmäßige Übung mit dem Tennisball oder Massageigel. Eine Entzündung der Fußsohlensehnenplatte (plantare Fasziitis) schließe ich nach Deinen Schilderungen eigentlich aus.

    Ich freue mich mit meinen Schützlingen Benoit Charles-Mangeon und Fabian Schnekenburg auf einen Top-fitten Stephan und Mirco beim TAR. Beste Grüße. Kurt

  3. Alles richtig gemacht, Stephan! Die Gesundheit geht vor, und die Enttäuschung irgendwann vorbei. Spätestens wenn du an der Startlinie zum TAR stehst. Bis dahin gute Besserung!

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