Ein langer Tag im Tessin

Der einzige wirklich lange und geplante Wettkampf dieses Jahr ist der neue K113 des Scenictrails. Ich habe im Vorfeld lange überlegt, ob ich die neue Langstrecke mit 113 Kilo- und 7’500 Höhenmeter laufen soll. Eigentlich bin ich ja nach wie vor der Meinung, dass Wettkämpfe über 100 Kilometer Länge Quatsch sind. Auf der anderen Seite bin ich die 54 Kilometer schon 2 Mal gelaufen und jedes Jahr das Gleiche zu machen ist doch langweilig – trotz super schöner Strecke. Ein weiterer Grund für meine Entscheidung ist, dass ich, wenn immer möglich, beim Hauptlauf eines Events, der „Königsdisziplin“ starten möchte. Und beim Scenictrail ist das nun mal der zur Skyrunning World Series gehörende K113.

Bei Vollmond durch die Nacht

Beim Warten auf den Startschuss weiss ich, dass es die richtige Entscheidung war. Natürlich ist die Startzeit um Mitternacht unangenehm, natürlich weiss ich, dass ich meine Entscheidung im Laufe des Rennens verfluchen werde, aber anders als beim UTMB freue ich mich richtig auf den bevorstehenden Lauf und weiss, dass ich ihn erfolgreich finishen kann! Hinzu kommt, dass mein Freund und TAR-Teampartner Matthias Dippacher ebenfalls am Start steht. Wir beschliessen, dass wir auf alle Fälle gemeinsam durch die Nacht laufen werden.
Die ersten Kilometer auf der K54-Strecke vergehen wie im Flug. Sie sind noch nicht besonders technisch und natürlich sind unsere Beine noch frisch. Auch der erste Teil nach der Abzweigung bleibt unspektakulär, verläuft z.T. sogar auf Teerstrassen. Man könnte fast meinen, die neue Strecke ist leicht und schnell. Auch der zweite Anstieg und ein weiteres Flachstück (das man auf dem zusammengequetschten Höhenprofil nicht als solches erkennt) machen keine Probleme. Bei der ersten Verpflegungsstelle hätte ich eigentlich noch gar nichts gebraucht. Die Vernunft sagt aber, dass ich mich trotzdem verpflegen und vor allem die Trinkflaschen gut auffüllen soll. Eine sehr gute Entscheidung, denn nach dieser ersten Verpflegungsstelle beginnt das Rennen erst richtig. Es geht steil bergauf, teilweise über wegloses Gelände bis auf den ersten Gipfel, den Monte Gradiccioli. Ich habe erwartet, dass man jetzt zügig auf gut ausgebauten Wanderwegen hinüber zum Tamaro und der nächsten Verpflegungsstelle laufen und dabei die spektakuläre Aussicht bei Vollmond geniessen kann. Aber der Wanderweg ist so ruppig, dass man jeden Schritt behutsam setzen muss. An für sich sind wir nicht in technisch anspruchsvollem, ausgesetzten Gelände unterwegs, aber trotzdem ist es sehr, sehr mühsam voranzukommen, insbesondere bei Dunkelheit.

Der Tag bricht an

Bei Monte Ceneri bricht der Tag an und ein kurzes Asphaltstück bietet die Gelegenheit für ein kleines bisschen Erholung. Matthias und ich haben uns mittlerweile einen kleinen Vorsprung herausgelaufen ohne, dass wir uns völlig verausgaben mussten. Angesichts dessen, was alles noch vor uns liegt, beschliessen wir schon jetzt das Rennen gemeinsam durchzuziehen. Vorausgesetzt wir halten beide durch! Der weitere Verlauf der Strecke bis zur erneuten Einmündung auf die K54-Strecke behält seinen Charakter bei. Es gibt zwar kurze harmlose Stücke, aber der grösste Teil führt über kaum laufbare Trampelpfade. Es gibt auch einige Passagen, wo es vor den Mäh-Aktionen von Aaron und seiner Truppe gar keine Wege gab. Dementsprechend langsam ist man unterwegs und wird immer weiter zermürbt.

Der harte zweite Teil

Vor einem Wettkampf studiere ich oft das Höhenprofil und/oder den Streckenverlauf, um die Passagen zu finden, die mental oder körperlich am härtesten sein könnten. Oft bin ich dann während des Rennens dafür gewappnet und kann sie einfacher wegstecken. Beim K113 war klar, dass es richtig hart werden würde, wenn man zurück auf die K54-Strecke kommt. Schliesslich kenne ich dort jeden Anstieg, weiss wie weit es noch bis zum Ziel ist und wie ich in den letzten Jahren mit frischen Beinen im Wettkampfmodus über die Trails rennen konnte. Dagegen fühle ich mich im Moment wie eine Schildkröte, die sich nur schwerfällig vorwärts bewegt. Und zu allem Überdruss werden wir jetzt auch noch von den ausgeruhten K54-Läufer überholt! Wie gemein. Spätestens jetzt bin ich froh, dass ich noch mit Matthias laufe. Geteiltes Leid ist halbes Leid – an dem Spruch ist echt was dran.

Es geht wieder bergauf

Bei der grossen Verpflegungsstelle San Lucio rennt plötzlich ein Hund auf uns zu. Erst will ich mich über den Besitzer aufregen, aber als ich sehe, dass es Frieda, der Hund von Matthias und seiner Freundin Katrin ist, freue ich mich richtig! Ebenso, dass uns Katrin hier anfeuert. Es sind solche Kleinigkeiten, die ausschlaggebend sein können, ob man eine Krise durchsteht, oder nicht. Zumindest mir geht es nach dieser Verpflegung wieder viel besser, vor allem mental. Hinzu kommt, dass wir jetzt wieder in Richtung Ziel laufen und die ganz langen Anstiege geschafft sind. Immer wieder können wir auch K54-Läufer überholen, denen man die Erschöpfung mittlerweile auch ansieht. Einzig bei der ersten Frau sieht es nach wie vor sehr leichtfüssig aus. Wir überholen sie zwar, kommen uns im Vergleich zu ihr aber vor wie Trampeltiere. Die Verpflegungsposten sind zum Teil recht weit auseinander. Bei der Hitze, die mittlerweile herrscht, muss man mit dem Trinken haushalten. Auf dem Grat gibt es auch keine Wasserstellen, bei denen man sich bedienen kann. Ich bin also froh, dass ich mich für 2 Halbliter-Flaschen entschieden habe, auch wenn das Reglement nur eine gefordert hätte. Trotzdem sind Matthias und ich völlig leer und durstig, als wir die zweitletzte Verpflegungsstelle in Brè erreichen. Viel länger hätte es nicht mehr gehen dürfen. Nachdem wir unseren Durst gestillt und die Flaschen gut gefüllt haben, können wir endlich die letzten Kilometer in Angriff nehmen. Ich weiss ja, dass es sich noch ganz schön zieht und vor allem die letzten 5 Kilometer ätzend sein können. Aber im Verhältnis zu dem, was hinter uns liegt ist das ein Kindergeburtstag.
Nach 15:40 h erreichen wir beide endlich das Ziel. Nicht die Zeit, die wir im Vorfeld erwartet hätten, aber angesichts der anspruchsvollen Wege und der knapp 8’000 Höhenmeter ging’s halt einfach nicht schneller. Aber im Moment ist mir die Zeit auch völlig wurscht, Hauptsache wir haben es endlich geschafft und dürfen uns wie schon beim Sardona Ultratrail den Sieg teilen!

Spätestens jetzt weiss ich, dass ich mir den besten Partner für den Transalpine Run ausgesucht habe. Ich freue mich schon jetzt auf die Woche mit Dippi 🙂
Bei den Damen wird Francesca Canepa ihrer Favoritenrolle gerecht und holt sich den Sieg vor Yulia Baykova und Denise Zimmermann.
Beim K54 war die Konkurrenz grösser als auf der Langstrecke. Hier schnappt sich Adrian Brennwald vor Urs Jenzer und Benjamin Bublak den Tagessieg. Und bei den Frauen gewinnt Vera Nina Schneebeli souverän. Gratulation!

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2 Replies to “Ein langer Tag im Tessin”

  1. Herzlichen Glückwunsch Stephan!

    Das ist ja wirklich eine geniale Kombo für den TAR…ich bin gespannt und drücke euch jetzt schon die Daumen!

    Viele Grüße aus Bad Reichenhall

    Steve

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