Eiger Ultra Trail: das perfekte Rennen

In diesem Jahr habe ich ganz bewusst nur wenige Wettkämpfe geplant. Eigentlich waren nur zwei Wettkämpfe fix: Scenictrail und Transalpine Run. Nur wenn ich mich gut fühlen und Lust haben sollte, wollte ich kurzfristig weitere Rennen einschieben. Der einzige Haken bei diesem Vorhaben war, dass viele grosse Rennen schnell ausgebucht sind und dann ist es natürlich nicht möglich sich ein paar Tage vorher anzumelden. Eines dieser Rennen ist der Eiger Ultra Trail (EUT), dem grössten und wichtigsten Trail-Wettkampf in der Schweiz. Die begehrten 600 Startplätze für die Langdistanz (E101) waren bereits am ersten Tag der Anmeldefrist vergriffen, weshalb ich ihn für 2017 eigentlich abgehakt hatte. Schade, denn vom Scenictrail habe ich mich erstaunlich schnell erholt und fühle mich seither richtig gut. Auch zeitlich würde der Eiger Ultra Trail perfekt passen. Wie es der Zufall so will, hat mich Walter Manser nach seinem zweiten Platz beim Zugspitz Ultratrail gefragt, ob ich für ihn beim EUT starten möchte. Er habe Probleme mit seinem Knie und müsse deshalb aussetzen. Natürlich tat mir das für Walter leid, aber den Startplatz habe ich trotzdem sehr gerne übernommen!

Die Vorzeichen sind gut!

Und so bin ich jetzt in Grindelwald und bahne mir meinen Weg zur Startnummernausgabe. Es ist verdammt viel los im Start-/Zielgelände, man merkt also, dass es ein richtig grosses Event geworden ist. Rund 2’700 Teilnehmer sind schon eine Ansage!
Normalerweise finde ich die Abende vor einem Wattkampf ziemlich ätzend. Ich bin dann nervös und würde dem ganzen Rummel am liebsten aus dem Weg gehen. Heute ist das anders. Die Nervosität hält sich in Grenzen und eigentlich freue ich mich nur auf den morgigen Tag. Sogar den Smalltalk mit all den bekannten Gesichtern kann ich heute geniessen.

© Swiss Ultra Trail

Nach der kurzen Nacht im Bus, brauche ich nicht lange, um wach zu werden. Das Gefühl ist weiterhin gut und ich kann es kaum erwarten endlich loszulegen. Viel Zeit totschlagen muss ich auch nicht, denn nach dem hervorragenden „Early-Bird-Frühstück“ ist es schon an der Zeit für die Startaufstellung. Wenige Minuten bevor es losgeht, bekommt meine Euphorie einen kleinen Dämpfer. Ich merke nämlich, dass ich keine Handschuhe anhabe. Und die brauche ich, um die Leki-Stöcke mit dem Klick-System effektiv einsetzen zu können. Meine einzige Hoffnung ist, dass mein zuschauender Vater mir die Handschuhe an eine Verpflegungsstelle bringen, oder dass ich seine Stöcke mit Schlaufen nehmen kann. Aber wenn nicht, ist es auch kein Beinbruch, ich werde das Rennen auch ohne Stöcke überstehen.

© marathon4you.de

Es läuft auch ohne Stöcke und einem kleinen Verlaufer

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, denn mittlerweile hat das Rennen schon begonnen. Ich bin etwas erstaunt, dass das Anfangstempo nicht wie sonst üblich sehr hoch ist – insbesondere, weil heute sehr viele international bekannte Top-Athleten am Start sind. Ich versuche mich aber nicht auf die anderen zu fixieren, sondern einfach meinen Rhythmus zu finden, mein Tempo zu laufen. Auf dem zugegeben recht langweiligen Teil bis zum First gelingt mir das ganz gut und schon jetzt liege ich zusammen mit Daniel Jung an der Spitze des Feldes. Als es beim Anstieg zum Faulhorn dann anfängt richtig schön zu werden, kann ich mich sogar von ihm lösen. Ich merke, dass mich das gute Gefühl der letzten Tage und Wochen nicht getäuscht hat und lasse es einfach laufen.

© Eiger Ultra Trail (Veranstalter)

Der Streckenabschnitt zwischen Faulhorn und Schynigen Platte ist einfach sagenhaft! Flüssig zu laufende Trails vor einem Panorama, das seinesgleichen sucht und dazu noch lockere Beine. Besser geht es nicht! Trotzdem sollte man nicht zu euphorisch werden und vor allem aufmerksam bleiben. Sonst kann es nämlich passieren, dass man sich trotz perfekter Streckenmarkierung verläuft. Und genau das passiert mir nach der Verpflegungsstelle. Ich bin noch mit essen und trinken beschäftigt und laufe an einer Abzweigung einfach geradeaus. Erst als mir meine Verfolger wieder entgegenkommen, realisiere ich, dass etwas nicht stimmt. Jetzt bloss nicht verrückt machen lassen, umdrehen und versuchen die verlorene Zeit wieder gut zu machen. Die 1.5 zusätzlichen Kilometer haben mir natürlich Zeit und Plätze gekostet, aber das Rennen ist noch lange und meine Beine noch frisch.

Vollgas bis zum Schluss

Bei der grossen Verpflegungsstelle in Burglauen treffe ich meinen Vater, der zum Glück die Stöcke mit den Schlaufen dabei hat. Nach dem Stocktausch bin ich zusätzlich motiviert die beiden Führenden wieder einzuholen. Dass das schon auf dem Anstieg nach Wengen passiert, hätte ich aber nicht erwartet. Auch die erwartete Krise beim harten Aufstieg zum Männlichen lässt auf sich warten. Ja, heute läuft es einfach. Das ändert sich auch nicht auf den folgenden Kilometern mit mehreren kleineren Auf- und Abstiegen bis zur Kleinen Scheidegg, wo ich wieder meinen Vater und Carsten treffe. Sie sagen mir, dass mittlerweile Urs Jenzer an zweiter Stelle liegt. Auch wenn mittlerweile das Meiste geschafft ist, nachlassen darf ich also nicht. Will ich aber auch gar nicht, denn meine Beine fühlen sich immer noch verhältnismässig gut an. Wieso also Tempo rausnehmen?

© Sabine He

Der folgende Anstieg über die berühmte Moräne des Eigergletschers und der folgende Eiger-Trail sind die nächsten Highlights der Strecke und ich finde, dass man hier gar nicht anders kann als begeistert zu sein – Wahnsinn! Der einzige Streckenabschnitt, der mich im Vorfeld überhaupt nicht angemacht hat, sind die letzten zehn Kilometer. Man hat Grindelwald schon fast wieder erreicht, muss dann aber nochmal abdrehen und auf wurzligen Waldpfaden eine Extrarunde drehen, inklusive ekelhaftem Anstieg zum Pfingstegg. Auch jetzt bin ich nicht gerade begeistert, aber wenn man in Führung liegt und weiss, dass man gewinnen kann, fällt einem dies alles etwas leichter. Beim letzten Stich hinauf ins Dorfzentrum und natürlich auch beim Zieleinlauf sind die Strapazen sowieso vergessen. Es ist absolut unglaublich, dass ich hier nach 101 Kilometern, 6’700 Höhenmetern und 11:01 Stunden als erster die Ziellinie überqueren darf und obendrein noch den Streckenrekord knacke. Für mich definitiv der grösste Erfolg und das beste Rennen, das ich bis jetzt abgeliefert habe!

© Eiger Ultra Trail (Veranstalter)

Bei den Damen gewinnt erwartungsgemäss Andrea Huser vor Martina Trimmel und Helene Ogi. Herzliche Gratulation! Kathrin Götz, die lange Zeit in Führung lag, musste leider aufgeben, nachdem sie umgeknickt ist. Gute Besserung!
Ein Wahnsinns-Rennen liefert Routinier Urs Jenzer ab: Er wird mit seinen 47 Jahren Zweiter vor Jordi Gamito-Baus und damit wohlverdienter Schweizer Meister. Ebenfalls gratulieren will ich an dieser Stelle Nico Schefer, der nach einem bärenstarken Lauf Dritter bei den Schweizer Meisterschaften wird!

Mein Fazit zum Eiger Ultra Trail:

Perfekte Organisation!
Perfekte Streckenmarkierung!
Perfekte Verpflegung!
Gigantische Strecke!
DAS Trail-Event in der Schweiz!

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).
Hier geht’s zur Internetseite des Veranstalters

6 Replies to “Eiger Ultra Trail: das perfekte Rennen”

  1. Und wieder kann man nur zu deinem sensationellen Ergebnis und zu deiner gelungenen journalistischen Darstellung gratulieren, Stephan! Wenn ich dran denke, wie ausreichend anstrengend der Schienerberg- Lauf ist, dann kann ich mir null vorstellen, wie sich 100 km in den Alpen anfühlen. Gratulation! Jörg Hönle, ein Fan aus den Reihen des LT Radolfzell

  2. Herzlichen Glückwunsch Stephan…super Leistung! Bärenstark!
    Ich wünsche dir eine schnelle und gute Regeneration und ganz viel Spaß inmitten der Sommersaison! Für den TAR auch schon mal alles Gute…
    …ich freue mich auf viele weitere spannende Berichte!

    Viele Grüße
    Steve

  3. War beim Start eine Reihe hinter Dir (am Schluss 6 Stunden) und ahnte da bereits, dass Du ganz vorne mitmischen würdest. Inspirierend und motivierend wie du die steilen Pfade hinaufgehst und doch bescheiden bleibst. Meine Frau und Tochter fanden Dich auch spitze! Danke für den offenen Rennbericht. Alles Gute, Kay

  4. Lieber Stephan, nochmals herzlichen Glückwunsch zu Deiner sensationellen Leistung. Außerdem kommst du super sympatisch rüber (z.B. bei der Siegerehrung und danach). Du bist definitiv ein hervorragender Vertreter des Traillaufen. Viele Grüße soll ich dir auch von meiner Frau ausrichten und unserer Freundin Sabine, die du beide auf der Eigermoräne überholt hast (siehe Bild oben). Sie schwärmen heute noch von dem Speed, den du da hattest. Und danke auch nochmal für das Erinnerungsphoto das wir geschossen haben. Es hat einen Ehrenplatz in unserem Eiger Ultra Blog: https://trailrunningnordwand.blogspot.de/. Hoffe es ist ok, daß ich das Photo da reingenommen habe.
    Wünsche Dir für Deine weiteren Vorhaben alles Gute.
    Sportliche Grüße
    Erik Drollinger

    • Hallo Erik,
      vielen Dank für die Blumen. Freut mich 🙂
      Natürlich ist es ok, wenn ihr das Foto verwendet!
      Grüsse zurück, Stephan

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