Durch die SW-Wand auf den König der Glarner Alpen

Ich kann mich noch sehr gut an meine erste Besteigung des Tödi erinnern. Es war nicht nur das erste Mal auf dem König der Glarner Alpen, sondern auch meine erste Skihochtour. Zusammen mit Consti und Philipp sind wir im Frühjahr 2014 von Sumvitg über die Porta da Gliems aufgestiegen. Es war ein Tag wie aus dem Bilderbuch, aber so richtig wahrgenommen habe ich das Panorama um mich herum nicht. Denn damals war das für mich eine äusserst anspruchsvolle Skitour und ich war sehr erleichtert und mächtig stolz, als wir wieder wohlbehalten am Ausgangspunkt ankamen. Auch die Tour mit Pascal über die Normalroute ab Tierfehd zwei Jahre später war für mich ein ernsthaftes Unterfangen.
Und jetzt, nochmal zwei Jahre später, will ich mit Chris über die SW-Wand auf den Tödi. Das heisst 1200 Höhenmeter im 45° – 55° steilem Gelände mit Steigeisen und Pickel bewaffnet aufsteigen. Das ist wirklich ein ganz anderes Kaliber. Fehler sind hier nicht erlaubt. Natürlich habe ich in der Zwischenzeit mehrere technisch anspruchsvolle Touren unternommen und sollte deshalb auch sicherer geworden sein. Trotzdem habe ich in den Tagen vor der Tour schlecht geschlafen. Etwas beruhigt hat mich, dass die Wand am Vortag bereits bestiegen wurde. Somit sollte zumindest die Wegfindung kein Problem sein.

Die imposante SW-Wand des Tödi

Prolog

Aber der Reihe nach. Denn bevor wir in die SW-Wand einsteigen, steht noch ein strammes Programm vor uns. Wir starten in der Dämmerung in Tierfehd und folgen erst der Normalroute entlang des Sandbachs. Bei Pt. 1082 biegen wir aber rechts ab und folgen mehr oder weniger dem Sommerweg Richtung Claridenhütte. Die erste Steilstufe im Wald ist etwas mühsam, doch nachdem diese überwunden ist, kommen wir zügig voran.

Sonnenaufgang auf dem Weg zur Claridenhütte

Bis zur Claridenhütte müssen wir noch spuren, danach können wir auf einer zweispurig ausgebauten Autobahn auf das erste Tagesziel, den populären Clariden, steigen. Damit wären der erste Gipfel und die ersten 2500 Höhenmeter im Sack. Eine lange Pause machen wir aber nicht, uns zieht es Richtung Tödi und seine SW-Wand. Wir fahren vom Gipfel ab, überqueren den flachen Gletscher zur Planurahütte. Diese lassen wir aber rechts liegen und gelangen über den Sandpass ins Val Gronda da Russein.

Jetzt gibt’s kein zurück mehr

Und jetzt liegt sie vor uns, die imposante und zumindest für mich auch angsteinflössende SW-Wand. Noch hätte ich die Möglichkeit den einfacheren Aufstieg über die Porta da Gliems zu machen, aber das wäre schon schade. Also Ski und Stöcke aufbinden, Steigeisen anziehen, Pickel in die Hand und los! Auf den ersten Metern fühle ich mich noch etwas unbeholfen, schliesslich ist es das erste Mal, dass ich so ausgerüstet eine steile Firnflanke hochstapfe.

In der Wand…

Aber die zu überwindenden 1200 Höhenmeter sind so lange, dass ich mich immer besser daran gewöhne. Langsam wächst auch mein Selbstvertrauen, was zum grossen Teil auch an der Ausrüstung liegt. Stahl-Steigeisen mit 12 Zacken und 2 Pickel mit Stahl-Hauen funktionieren im ernsthaften Gelände einfach besser als das „Ultraleicht-Renn-Equipment“. Dank der Spuren unserer Vorgänger ist immer klar, wo es lang geht und ermöglicht uns ein rasches Vorankommen. Aber im Renntempo sind wir trotzdem nicht unterwegs. Sowohl die Höhe als auch die vielen Höhenmeter, die wir schon in den Beinen haben, machen sich bemerkbar. So sind wir beide froh, als wir endlich auf den Südgrat aussteigen und die letzten Meter zum Gipfel geniessen können. Wow, wir haben es tatsächlich geschafft die Tödi SW-Wand zu durchsteigen. Für mich eine Riesenkiste, für Chris nichts aussergewöhnliches. Er hat in seinem Bergsteigerleben schon ganz andere Sachen gemacht.

Der Kreis schliesst sich

Wie gewöhnlich bläst ein frischer Wind auf dem Tödi. Deshalb fällt die Gipfelpause nicht sehr lange aus. Zudem liegt die lange Abfahrt nach Tierfehd noch vor uns. Besonders die Abschnitte durch die beiden Gletscherbrüche darf man nicht unterschätzen. Es geht alles glatt und nach 8:17 h sind wir wieder zurück am Ausgangspunkt. Dort kommen wir ins Gespräch mit einem Einheimischen, der nicht uns nicht so recht glauben will, als wir ihm erzählen, was wir heute gemacht haben…
Danke Chris, dass du mich auf diese Tour mitgenommen hast!

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 35 km

Auf-/ Abstieg: ca. ± 3’720 m

Schwierigkeit: S

Chris‘ Bericht und viele weitere Bilder gibt’s hier.

2 Replies to “Durch die SW-Wand auf den König der Glarner Alpen”

  1. Hey Stephan,
    wieder einmal ein schöner Bericht von einer grandiosen Tour.

    Für mich stellt sich jetzt nur die Frage, ob auch eine Abfahrt durch diese Wand möglich ist? War euch das zu heftig, oder braucht es da andere Bedingungen?
    Grüße Philipp

    • Vielen Dank Phiipp. Freut mich, dass meine Berichte noch gelesen werden 😉

      Die SW-Wand kann schon befahren werden. Bei uns kam das nicht in Frage, weil wir ja eine Runde machen wollten. Bei einer Abfahrt wären wir aber wieder im Val Russein gewesen…
      Die Verhältnisse hätten aber auch keine Abfahrt zugelassen. Dafür lag viel zu wenig Schnee in der Wand. Schon im Aufstieg mussten wir über zwei apere Stellen und über weite Bereiche war die Schneedecke nur ein paar Zentimeter dick. Jetzt, mit dem vielen klebrigen Frühjahrs-Neuschnee könnte es gehen…

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