Auf Schotterstrassen durch die Dolomiten

Wenn ich vor dem Lavaredo Ultra Trail gefragt worden wäre, welchen Wettkampf ich am schwersten finde, hätte ich geantwortet: Swissalpine K78. Wieso denn das? Der Swissalpine ist weder besonders lang (78 km), noch besonders bergig (2‘370 hm) und technisch nicht sehr anspruchsvoll? Und überhaupt, was hat das mit dem Lavaredo Ultra Trail zu tun? Mehr dazu später.

Von 0 auf 120 in einem Monat

Mein Start in die Wettkampf-Sommersaison findet dieses Jahr ziemlich spät statt. Zumindest, was das Datum (22.06.2018) angeht. Gefühlt ist der Start recht früh, denn bis vor einem Monat war ich noch mit den Tourenskiern unterwegs. Und gleich mit einem top-besetzten 120-Kilometer-Brett zu starten, finde ich nicht ohne. Es ist vor allem die Distanz, vor der ich Respekt habe. Höhenmeter habe ich mehr als genug trainiert, aber flache Kilometer so gut wie gar nicht. Mal schauen, wie das Rennen verläuft. Jetzt heisst es erst mal Zeit tot zu schlagen. Um 23:00 Uhr zu starten, ist einfach blöd. Ausser rumhängen, dösen und essen kann man ja nichts machen. Was für eine Zeitverschwendung, wenn man bedenkt, dass man mitten in den Dolomiten ist und es so viel zu entdecken gäbe…

Schotterstrassen und kein Ende

Ich bin heilfroh, als die Warterei endlich vorbei ist und zusammen mit 1600 Teilnehmern aus der ganzen Welt losrennen darf! Auf den ersten Kilometern fühlen sich die Beine ganz gut an. Ein erster Schotterstrassen-Anstieg und ein spassiger Downhill sind gut, um den Rhythmus zu finden. Aber los geht es eigentlich erst danach. Es folgt eine flache Schotterstrasse der anderen. Ich versuche möglichst ökonomisch zu laufen, mein Pulver nicht zu verschiessen. Aber ich merke doch, dass das ungewohnt lange, flache Laufen meine Beine zermürbt. Endlich, nach 45 Kilometern geht es zum ersten Mal steil und auf einem schönen Wanderweg bergauf! Der Rhythmuswechsel tut mir sehr gut und ich merke, dass ich gegenüber der anderen Läufer Boden gut machen kann. Es ist mittlerweile sehr kalt geworden und an der Verpflegungsstelle in der Reifugio Auronzo bläst der Wind so eisig, dass ich meine Windjacke anziehe. Als nächstes folgt der bekannte Streckenabschnitt unter den Drei Zinnen. Da es mittlerweile leicht dämmert,  kann man die Felsgiganten schon deutlich erkennen. Ich muss sagen, dass dieser Anblick wirklich atemberaubend ist! Weniger atemberaubend finde ich allerdings, dass wir wieder mal auf einer Schotterstrasse unterwegs sind. Die Schotterstrasse ist sogar so gut ausgebaut, dass mehrere Geländewagen am Rand parken. Vermutlich sind das die Fotografen, die die bekannten Bilder mit dem Motiv „Läufer vor den Drei Zinnen“ schiessen.

Harte Arbeit

Zum Glück endet die Fahrstrasse kurz nach der Fuorcla Lavaredo und es folgt ein wirklich schöner, auch technischer Downhill durchs Rienztal. Ich habe gehofft, dass sich hier meine Beine wieder lockern, aber leider passiert das nicht. Ich kann zwar gut mit den anderen Läufern mithalten, aber es ist bleibt einfach harte Arbeit. Zudem muss ich jetzt schon zum dritten Mal hinter die Büsche. Eigentlich erstaunlich, dass immer noch was rauskommt 😉
Nach weiteren 7 Kilometern auf einem geschotterten (was sonst) Radweg entlang der Hauptstrasse kommt endlich die grosse Verpflegungsstelle Cimabanche. Der Plan war hier eine grössere Pause einzulegen, zu „frühstücken“, also etwas Gescheites zu essen, allenfalls Klamotten und Schuhe zu wechseln und dann mit frischer Kraft den zweiten, sehr viel schöneren Teil der Strecke in Angriff zu nehmen. Die Realität sieht ganz anders aus. Feste Nahrung bekomme ich schon seit Stunden nicht mehr runter und das Rennen ist so schnell, dass sich keiner der anderen Top-Ten-Läufer lange bei den Verpflegungsstellen aufhält. Also sage ich meinem Vater kurz, dass es heute ziemlich hart ist, schnappe mir nur die Gels aus der vorbereiteten Verpflegungsbox, fülle meine Trinkflaschen und renne weiter. Von frischer Kraft ist dann auch beim nächsten Schotterstrassenan- und abstieg nichts zu spüren. Aber trotzdem: ich komme gut voran, kann meine Platzierung halten und auch meine Konkurrenten sehen nicht mehr taufrisch aus.

Warum der Lavaredo Ultra Trail so schwer ist

Nach rund 80 Kilometern ist der Schotterstrassenalptraum dann endlich vorbei. Jetzt geht es auf herrlichen Wanderwegen das endlos lange Val Travenanzes hinauf. Landschaftlich eine Wucht! Ich versuche es trotz der schweren Beine zu geniessen, rede mir ein, dass jetzt der Teil des Rennens ist, der mir liegt. Aber es bleibt ein Kampf. Und damit wäre ich wieder beim eingangs erwähnten Swissalpine K78. Er ist deshalb so schwer, weil man zuerst einen Flachmarathon läuft und erst dann der bergige Teil beginnt. Für alle, die gerne und viel in den Bergen unterwegs sind, aber kaum in der Ebene laufen, ist das die ungünstigste Kombination. Beine, die man sich beim monotonen, schnellen laufen kaputt gemacht hat, werden nicht mehr locker. Angesichts der Tatsache, dass der Lavaredo Ultra Trail um eine komplette Marathondistanz länger ist als der Swissalpine K78 und man zudem eine ganze Nacht durchlaufen muss, ist er für mein Empfinden noch schwerer als der Schweizer Klassiker (den es jetzt nicht mehr gibt).

Ein versöhnliches Ergebnis

Neben den müden Beiden machen mir zunehmend auch Schmerzen im Fuss und in der Leistengegend zu schaffen. Sie sind aber erträglich, aufzuhören ist nie eine Option. Sie machen es einfach noch etwas mühsamer und lassen mich eher über die Trails stolpern als locker zu rennen. Was mir sehr hilft die letzten 40 Kilometer abzuspulen, ist die jetzt grandiose Strecke. Sie ist so schön, dass ich das Schotterstrassengebolze fast schon vergessen habe (das gilt natürlich nicht für meine Beine). Besonders freut mich, dass plötzlich Tom und Silke auf der Strecke auftauchen und mich anfeuern.

Aber auch meinen Vater zu sehen, der sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen hat, war und ist extrem motivierend. Danke! So schaffe ich es dann auch ohne Plätze zu verlieren bis zur Forcella Ambrizzola. Ab jetzt geht es nur noch bergab nach Cortina. So sehr habe ich das Ziel noch nie herbeigesehnt. Ungefähr fünf Kilometer vor dem Ziel schreit mir ein Zuschauer zu, dass ich an Dritter Stelle liege. Ich winke ab und sage ihm, dass er sich verzählt haben muss. Ich bin ganz sicher an vierter Stelle. Etwas später höre ich wie sich ein anderer Läufer von hinten nähert. Mir ist klar, dass ich so kurz vor dem Ziel doch noch überholt werde. Egal, Fünfter ist vielleicht besser als undankbarer Vierter. Erstaunlicherweise ist es dann aber Tim Tollefson, der an mir vorbeizieht! Was ist da los, er war doch die ganze Zeit vor mir? Er hat unglücklicherweise eine Abzweigung verpasst und musste eine Extra-Meile laufen. In der Zeit muss ich an ihm vorbei gelaufen sein. In dem Fall bin ich froh, dass er mich wieder überholt hat. Über einen Podestplatz unter diesen Umständen hätte ich mich nicht freuen können. Es bleibt also dabei: Ich darf als Vierter hinter den Superstars Hayden Hawks, Pau Capell und Tim Tollefson ins Ziel einlaufen! Ich bin sehr, sehr zufrieden und auch ein wenig stolz mir das erarbeitet zu haben.

Epilog

Noch nie hat mich ein Wettkampf so fertig gemacht. Schon im Ziel ist mir ganz schwindlig geworden und ich musste im Medical-Zelt absitzen. Die Beine und vor allem der rechte Fuss und die Leiste haben so sehr geschmerzt, dass ich praktisch nicht mehr laufen konnte. Ich hatte fünf Tage mit Übelkeit und Magenkrämpfen zu schaffen und habe mich in der Zeit auch richtig krank gefühlt. Mittlerweile (der Wettkampf liegt 10 Tage zurück) geht es zwar wieder bergauf, aber vor allem die Schmerzen im Fuss sind geblieben.

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

One Reply to “Auf Schotterstrassen durch die Dolomiten”

  1. Servus Stephan,

    Glückwunsch zu dieser fantastischen Platzierung. Wahnsinns Leistung!

    Ja, die erste Hälfte des LUT ist echt nicht mit der zweiten zu vergleichen. Da kann man froh sein, dass man den ersten Teil in der Dunkelheit läuft.
    Dennoch habe ich den LUT für 2019 auf dem Schirm. Wollte nach 2016 eigentlich nicht mehr laufen bzw. wenn, dann nur den Cortina Trail, aber irgendwie reizt mich die Strecke dann doch noch ein bisschen.
    Schaun mer mal

    Viele Grüße und gute Besserung für die Fußsohle

    Steve

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.