Auf Messer’s Schneide rund ums Val Traversagna

Das Misox ist eines der einsamsten und wildesten Gegenden der Schweiz. Hier ist es noch möglich den ganzen Tag unterwegs zu sein ohne eine Menschenseele zu treffen. Auch wenn deshalb die meisten Wanderwege am Zerfallen sind, bin ich in letzter Zeit immer öfter in diesem «Niemandsland» unterwegs. Auf meinen Erkundungstouren ist mir schnell der hufeisenförmige Grat aufgefallen, der das Val Traversagna einrahmt. Die meisten Abschnitte habe ich bereits überschritten, so dass es Nahe lag einmal das ganze Hufeisen als Tagestour in Angriff zu nehmen. Ausgesucht habe ich mir einen sehr heissen Sommertag, weshalb ich schon im Vorfeld wusste, dass die fehlenden Wasserquellen eine Knacknuss werden könnten. Mehr als einen Liter schleppe ich nämlich ungern mit mir herum.

Leicht und nicht ganz so schnell

Und so breche ich in Roveredo mit 2 leeren 0.5-Liter-Flaschen zu meinem Abenteuer auf. Die Nacht war glücklicherweise kühl, so dass ich die ersten 1300 Höhenmeter auf dem schönen Wanderweg zur Alpe Luarn zügig abspulen kann. Jetzt heisst es Flaschen füllen und so viel trinken wie möglich, da es bis zum Rifugio San Jorio kein Nachschub geben wird. Hinter den Hütten führt ein erstaunlich guter Pfad bis zum Sasso della Guardia. Lediglich die üppige Vegetation und das taufeuchte Gras erschweren hin und wieder das Vorankommen. Kurz danach beginnt dann die Kraxelei, weshalb ich meine Stöcke, die mir bis dahin den Anstieg erleichtert haben, im Rucksack verstaue. Bis nach Pt. 2227 ist eine deutliche Pfadspur zu erkennen, aber sie verläuft meist neben dem Grat in den mit hüfthohem Gras bewachsenen Flanken, so dass ich mich, wann immer möglich, direkt auf dem Grat halte. Der Gipfelaufschwung des Piz del Papagal bietet dann die ersten anspruchsvolleren Kraxelstellen. Immer wieder verleiten Wegspuren in die abschüssige Westflanke zu queren. Aber wie so oft gilt auch hier: am besten immer direkt auf der Gratkante bleiben! Die von Weitem wild aussehenden Absätze sind dann auch halb so wild. Wirklich nicht ohne sind hingegen einige Passagen im Verbindungsgrat zum Cimo della Stagn. Hier müssen ein paar sehr luftige Felstürme überklettert oder heikel in abschüssigem Gelände umgangen werden. Auch wenn diese Passagen kurz sind, komme ich nicht besonders schnell vorwärts, was mir angesichts der knappen Wasservorräte etwas Sorgen bereitet. Denn mittlerweile ist die morgendliche Kühle längst verflogen und man kann gut sehen, was noch vor einem liegt.

Durstig über wilde Grate

Der Abstieg zur Bocchetta di Camedo bereitet keine Schwierigkeiten. Man muss trotzdem aufpassen, wo man hintritt, weil sich das lose Material heimtückisch unter Gräsern und Sträuchern versteckt. Nach der Punta di Valstrone (Alpenrosen!) folgt der schönste Teil der gesamten Route: der Aufstieg zur Cima di Gana Rossa. Dieser Berg unterscheidet sich durch sein rötliches Gestein markant von seinen Nachbarn und ist auch deutlich weniger bewachsen. Es macht riesigen Spass über die grossen Felsblöcke hochzusteigen, auch wenn es einige schwierigere Stellen gibt, die umgangen werden müssen. Der Abschnitt zur Bocchetta del Lago ist dann wieder recht zäh. Ausgesetzte Kraxelpassagen im Fels wechseln sich mit überwuchertem Gehpassagen ab. Inzwischen sind meine Flaschen leer und ich überlege, ob ich zum Laghit de la Boga absteigen soll um sie wieder zu füllen. Da sich mittlerweile ein paar Quellwolken gebildet haben und der prognostizierte Nordföhn für etwas Kühlung sorgt, entscheide ich mich bis zum Rifugio San Jorio durchzuhalten. Der Marmontana ist zwar völlig unschwierig (Wegspuren), aber vor allem im Abstieg bin ich ständig am Stolpern. Ermüdung und vor allem der quälende Durst machen sich bemerkbar. Ich muss jämmerlichen ausgesehen habe, als ich unter den besorgten Blicken der Hüttenwarte das Rifugio San Jorio erreiche. Nach einer grossen Cola und mehreren Karaffen Wasser kommen die Lebensgeister zurück und ich kann ohne grössere Pause meine Tour fortsetzen.

Ein langer Endspurt

Der 200-Höhenmeter-Anstieg zurück zum Grat ist schnell zurückgelegt. Erstaunlich was so eine Cola alles bewirken kann. Bis zum Cima delle Cicogne komme ich auf den zum Teil guten Wanderwegen schnell voran. Erst danach wird es wieder kniffliger. Im Verbindungsgrat zum Corno Gesero gilt es wieder Hand anzulegen, um über das luftige Brotmesser zu kommen. Diesen Abschnitt könnte man auch westseitig auf einem Schafweg umgehen. Der Corno Gesero ist zwar der letzte «richtige» Gipfel der Tour, doch bis zurück nach Roveredo ist es noch weit. Schwierige Stellen gibt es keine mehr, mühsam bleibt es aber. Der in der Karte eingezeichnete Weg über die Crest del Stabi ist nur zum Teil sichtbar. Immer wieder verliert er sich im Gestrüpp und ich bin sehr froh, als ich endlich das malerische Laura erreiche. Der Wanderweg via Nadro nach Roveredo muss erst kürzlich hergerichtet worden sein. So «glatt geputzt» habe ich noch nie einen Wanderweg im Misox erlebt. Ich bin froh drum, ermöglicht das mir doch einen raschen und einfachen Abstieg zum Ausgangspunkt, den ich nach 9:40 h erreiche.

Härtetest für das Fussgelenk

Das war die erste lange, harte Tour, nachdem ich bei der „Speedbegehung“ (gibt es hierfür kein gescheiteres deutsches Wort?) aufs Doldenhorn mit Adi umgeknickt und mir ein Aussenband gerissen habe. Es war also auch ein Härtetest, den mein Fussgelenk ganz gut gemeistert hat. Trotzdem fühlt sich mein Fuss noch nicht so an wie vor dem Unfall. Vor allem normales Laufen geht nur mit Schmerzen. Je mehr kraxeln, umso besser 😉

Anmerkung zur Schwierigkeit

Im SAC Tourenführer wird der NW-Grat der Cima dello Stagn mit ZS (III+) bewertet. Für mich ist eine Hochtourenbewertung hier unpassend und auch die III-er-Stelle habe ich nicht entdeckt. Mein Vorschlag wäre T5+ mit ein paar II-er-Kletterstellen. Ähnlich schwierige Stellen gibt es auch im weiteren Gratverlauf, auch wenn sie nicht mehr so ausgesetzt sind.

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 32 km

Auf-/ Abstieg: ca. ± 4’000 m

Schwierigkeit: T5+ (II)

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