Auf 3 hohe Berge über Kandersteg

Mit oder ohne Ski?

Die Landschaft südlich von Kandersteg wird von den 3 Gipfeln Rinderhorn, Balmhorn und Altels dominiert. Zum ersten Mal aufgefallen sind sie mir beim Skimara Kandersteg, bei dem man sogar einen grossen Teil des Aufstiegs zum Rinderhorn unter die Skier / Füsse nehmen muss. Und der Altels mit seiner markanten Nordwestflanke ist wohl der Traum eines jeden Skitourengängers. Dort bei perfekten Schneeverhältnissen abzufahren muss gigantisch sein! Schnell kam dann auch die Idee diese 3 Gipfel zu einer „langen“ Skitour zu kombinieren. Das Problem, wenn man das mit den Skiern machen möchte, sind jedoch die Verhältnisse. Vor allem der vermeintlich perfekte Skiberg Altels ist nur an sehr wenigen Tagen im Jahr (wenn überhaupt) direkt vom Vorgipfel befahrbar. Und zudem müssen die Verhältnisse auch tagsüber lange stabil bleiben, will man nicht hauptsächlich in der Nacht mit Stirnlampe unterwegs sein, um der steigenden Lawinengefahr durch die tageszeitliche Erwärmung zu entkommen. Berge für den Hochwinter sind es sowieso nicht.
Wieso das ganze also nicht mal im Sommer machen? Denn dann sind alle 3 Berge auf den Normalrouten relativ einfach und auch ohne schwere Hochtourenausrüstung zu besteigen. Denkbar wäre im Sommer natürlich auch eine Überschreitung. Aber dann wird’s schnell anspruchsvoll und auch nur komplett ausgerüstet machbar. Somit ist klar, dass ich nach jedem Gipfel wieder so weit absteige, bis ich zur Normalroute des nächsten traversieren kann. Also im Prinzip so, wie man es auch mit den Skieren machen würde.

Aller guter Dinge sind 2?

Beim ersten Versuch bin ich gemeinsam mit Mike Baumgartner gestartet. Es war ein heisser und schwüler Sommertag, bei dem heftige Gewitter für den Abend prognostiziert waren. Deswegen sind wir sehr früh gestartet, um zurück zu sein, bevor es mit Blitz und Donner los geht. Leider haben sich schon am Morgen die ersten Gewitter entladen, so dass wir unerledigter Dinge abbrechen mussten. Auch wenn es trotzdem super spassig war mit Mike, hat mich der Abbruch natürlich gewurmt. Schon beim Abstieg habe ich deshalb überlegt, wann ich es erneut probieren könnte. Die heftigen Gewitter waren die Vorboten eines markanten Kaltlufteinbruchs, nach dem sich dann aber ein stabiles Hoch mit trockener Luft durchsetzen sollte. Bis auf den also Schnee perfekte Voraussetzungen, um die 3 Gipfel in Angriff zu nehmen. Nach einer kurzen Reko-Tour mit Adi am Freitag, bei der man die (Schnee-)Verhältnisse bei den 3 Gipfeln perfekt einsehen konnte, stand mein Entschluss: ich probiere es gerade nochmal!

Blick vom Lohner auf die morgigen Gipfelziele

#1 Rinderhorn (3448 m)

Auch wenn ich dieses Mal keine Gewitter zu befürchten habe, starte ich wieder um kurz vor 4 Uhr mit Stirnlampe in Kandersteg bei der Talstation der Sunnbüelbahn. Die ersten 750 Höhenmeter und vor allem die flache Traverse bis zum Daubensee sind Fleissarbeit und ich bin froh, als ich endlich den breiten Wanderweg verlassen kann. Auf mal mehr, mal weniger deutlichen Wegspuren geht es in Richtung Rindersattel. Der Untergrund ist erstaunlich hart und kompakt und man kommt gut vorwärts bzw. bergauf. Der mühsame Schutt beginnt dann erst auf dem Nordgrat in Richtung Gipfel. Normalerweise sind auch hier deutliche Wegspuren vorhanden, aber der Schnee der letzten Niederschläge zwingt mich immer wieder zu mühsamen Ausweichmanövern. Kurz überlege ich, ob ich auf den Gletscherrest in der NW-Flanke ausweichen und mit Steigeisen aufsteigen soll, entscheide mich dann aber doch dagegen. Es geht auch so, obwohl ich nicht immer die Ideallinie nehmen kann. Exakt bei Sonnenaufgang stehe ich dann auf dem ersten Gipfel und darf dieses Naturschauspiel geniessen. Lange Pause mache ich trotzdem nicht, da ich noch einiges vor mir habe und es ausserdem empfindlich kalt ist. Zügig, aber bemüht mir meine Beine nicht kaputt zu machen, steige ich ab und jogge zurück zum Berghotel Schwarenbach. Hier gibt es die (wahrscheinlich) letzte Trinkstelle für lange Zeit, weshalb ich wie ein Kamel aus dem Gebirgsbach trinke. Die mitgeschleppten 1.5 Liter müssen für Balmhorn und Altels reichen.

#2 Balmhorn (3697 m)

Auf einem schönen Pfad geht es ins Tal unterhalb des Schwarzgletschers. Anders als letzte Woche durchquere ich es und steige ostseitig auf die Moräne. Auf dieser sind nämlich Wegspuren, was das Vorankomme deutlich einfacher macht als im losen Schutt im Tal. Erst oberhalb ca. 2500 m verlieren sich die Spuren und man muss über wackelige Blöcke und unangenehmen Schutt zum Schwarzgletscher eiern. Erleichtert montiere ich dort die Steigeisen und stapfe schnurstracks hoch zum Zackengrat. An den Spuren meiner Vorgänger erkenne ich, dass sie zum Teil ohne Steigeisen unterwegs waren. Das irritiert mich, denn der Hang ist steil genug, dass ein Ausrutscher sehr unangenehm werden würde. Noch irritierter bin ich dann, als ebendiese steigeisenlose Bergsteiger abschätzig meine minimalistische Ausrüstung kommentieren. Ich bin überzeugt, dass es sicherer ist mit Laufschuhen, Steigeisen, Leichtpickel aber ansonsten kaum Gepäck schnell aufs Balmhorn zu gehen, als mit Bergschuhen in einem tonnenschweren Hochtourenrucksack Seil, Pickel, Steigeisen & Co. hochzutragen. Aber das ist ein anderes Thema.
Der Zackengrat ist wohl das Highlight der Tour. Ein erstaunlich guter Pfad zieht sich spektakulär in Richtung Gipfelaufbau – immer in gebührendem Abstand zur ausgesetzten Gratschneide. Ich würde es sogar als Laufgelände bezeichnen. Für den vergletscherten Aufstieg zum Vor- und Hauptgipfel montiere ich abermals die Steigeisen. Es wäre heute sicher auch möglich gewesen mit den Microcrampons zu gehen, aber das wusste ich im Vorfeld nicht ganz genau. Ein kurzes Gipfelfoto, dann bin ich auch wieder auf dem Rückweg. Als ich auf dem Grat wieder an den steigeisentragenden Bergsteigern vorbeirenne, ernte ich Kopfschütteln. Ich wünsche ihnen trotzdem einen schönen Tag und ziehe für den Abstieg über den Schwarzgletscher wieder brav meine Steigeisen an…

#3 Altels (3630 m)

Es war klar, dass der 1400-Höhenmeter-Anstieg zum Altels sehr mühsam werden würde. Die ersten beiden Gipfel und die 4’000 Höhenmeter in den Beinen machen sich langsam bemerkbar. Befürchtet habe ich, dass mir auch die Hitze zu schaffen macht, aber im Wesentlichen ist es dieser fiese, lose Schotter und der extrem steile Weg, der mir Mühe bereitet. 2 Schritte vor, ein Schritt zurück. Abgedroschener Spruch, aber er trifft es ganz gut. Die Quälerei endet erst auf ca. 3350 m, wo die heikle Plattenzone beginnt. Hier weicht der lose Untergrund soliden Felsplatten, über die man recht komfortabel aufsteigen kann. Aber sie erfordern extreme Aufmerksamkeit, denn wenn man hier ausrutscht, kann man den Sturz wahrscheinlich nicht mehr bremsen und schiesst über die Platten hinweg nach unten. Erschwerend kommt hinzu, dass auf den Platten immer wieder loser Schutt liegt, der wie ein Kugellager wirkt. Bis zum Vorgipfel geht alles gut, aber jetzt kommt wohl die Schlüsselstelle der ganzen Tour: der wirklich ausgesetzte Verbindungsgrat zum Hauptgipfel. Der sieht dann aber wilder aus, als er ist. Bei einer Stufe muss man kurz Hand anlegen, ansonsten ist es eigentlich nur luftiges Gehen. Damit wäre auch der letzte Gipfel im Kasten. Bevor ich mich an den Abstieg mache, leere ich in eine Zug die Cola. Es hat sich definitiv gelohnt sie den ganzen Tag mitzuschleppen! Für den heiklen oberen Teil des Abstiegs nehme ich mir Zeit, aber sobald ich wieder im losen Schutt bin, lasse ich es krachen. So mühsam das im Aufstieg war, so angenehm ist es im Abstieg – #Geröllsurfen at it’s best. Auch die Beine sind happy, dass sie mehr als die Hälfte des 2400-Tiefenmeter-Abstiegs so schonend abrutschen können und auch der fiese Gegenanstieg zum Sunnbüel ist dann gar nicht mehr so fies. Platt bin ich natürlich trotzdem, als ich nach knapp 11 h wieder zurück beim Ausgangspunkt bin.

Anmerkungen

Ausrüstung: ich war den ganzen Tag mit T-Shirt, Shorts und Trailrunning-Schuhen mit integrierten Gamaschen (Salomon S/LAB XA ALPINE 2) unterwegs. Für die 2 Gletscherpassagen hatte ich einen Leichtpickel (nicht benutzt) und „richtige“ Stahl-Steigeisen dabei. Diese kann ich mit Körbchen auch an den weichen Trailrunning-Schuhen montieren. Das ist natürlich nicht ideal, funktioniert aber ganz gut, solange man die Steigeisen nicht braucht, um sie in Eis oder pickelharten Firn zu schlagen. Bei den vorgefundenen Verhältnissen wäre die Tour auch mit Microcrampons möglich gewesen. Im 8L-Rucksack hatte ich ausserdem noch Handy, Notfall-Apotheke, Regenjacke und Verpflegung. Natürlich haben mir Stöcke die Aufstiege erleichtert.
Verpflegung: 2 Liter Wasser, 0.5 Liter Cola, ein Biberli, ein PowerBar, ein Gel.

Hier geht’s zum Move (Movescount) und hier zur Aktivität (Strava).

Distanz: ca. 45 km

Auf-/ Abstieg: ca. ± 5’500 m

Schwierigkeit: WS / T5

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