140 Franken für 46 Kilometer Höchstgenuss

Happiges Startgeld

„Das macht dann 140 Franken, bitte“, sagt die freundliche Helferin bei der Nachmeldung zum Engadin Ultraks zu mir. Erst glaube ich mich verhört zu haben, aber auch beim nochmaligen Nachfragen nennt sie den gleichen Betrag. Hoppla! Dass die Schweiz nicht billig ist, weiss ich nach fünf Jahren natürlich. Aber 140 Franken für ein 46-Kilometer-Lauf durch die bestens erschlossene Bergwelt rund um Pontresina? Das ist dann doch grenzwertig – Nachmeldegebühr hin oder her. Aber egal, ändern kann ich daran sowieso nichts. Und ausserdem weiss ich nach den 5 Jahren in der Schweiz, dass die Qualität  eben auch immer stimmt. Die Voraussetzungen, dass es beim Engadin Ultraks nicht anders sein wird, sind auch gegeben. Die Strecke mit permanenten Blick auf die Gletscherriesen des Engadins wird sicher genial!

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Streckenplan Engadin Ultraks

Wieder Zuschauer oder Wettkämpfer?

Dass ich heute eine Startnummer anhabe, war gar nicht geplant. Eigentlich wollte ich wie die Woche zuvor beim Livigno Skymarathon zwei meiner Arbeitskollegen anfeuern. Aber schon wieder mit juckenden Beinen all die Wettkämpfer vorbeirennen zu sehen, wäre zu viel gewesen. Dann doch lieber selber mitlaufen!

Ein Highlight jagt das andere

Auf den ersten Kilometer geht es recht flach ins Val Roseg. Eigentlich recht langweilig, wäre da nicht der Blick auf die imposanten Gletscher, die das Tal abschliessen! Viel Zeit zum Geniessen bleibt leider nicht, denn einerseits werden die Berge zunehmend von aufziehenden Regenwolken verschluckt und andererseits wird es jetzt deutlich steiler – der Anstieg zur Fuorcla Surlej beginnt. Gion Andrea Bundi, der als Langläufer schon bei den olympischen Winterspielen teilgenommen hat, drückt mächtig aufs Tempo. Ich folge ihm nicht, sondern reihe mich hinter Beat Ritter ein. Auch er ist ein absoluter Spitzensportler, beispielsweise hat er es 2014 fast geschafft, Jonas Buud beim Swissalpine zu schlagen! Als wir den höchsten Punkt erreichen haben uns die Regenwolken leider eingeholt, was die im Sommer sowieso schon hässlichen Skipisten und -Anlagen noch hässlicher macht. Aber dieser Streckenabschnitt hat man schnell passiert. Und was jetzt folgt ist wieder erste Sahne: der Traumtrail hinunter nach St. Moritz. Und passend dazu kämpft sich auch die Sonne wieder durch die Wolken. Perfekt!

Val Roseg - so sind auch die ersten flachen Kilometer ein Genuss!

Val Roseg – so sind auch die ersten flachen Kilometer ein Genuss!
Foto: Schoella (Panoramio)

Geradeaus oder rechts abbiegen?

Nach der Verpflegung in St. Moritz werde ich an einer Wegkreuzung kurz unsicher. Rechts den Berg hoch zweigt ein Pfad ab – gekennzeichnet mit den orangen Fähnchen, die bis jetzt die Strecke markiert haben. Aber da sind auch noch die zwei roten Pfeile, die geradeaus in Richtung des flachen Schotterwegs zeigen. Ich entscheide mich für den Pfad bergauf. Das muss der richtige Weg sein, wieso sollte der Veranstalter plötzlich die Art der Markierung wechseln? Und ausserdem passt das zum Höhenprofil, denn nach St. Moritz soll der zweite Anstieg folgen. Zu Beginn bin ich noch etwas unsicher, aber als dann wie gewohnt in regelmässigen Abständen die orangen Fähnchen auftauchen, bin ich wieder beruhigt. Das passt, jetzt kann ich mich wieder auf den herrlichen Pfad konzentrieren. Das ist auch notwendig, denn der Abstieg nach Pontresina ist teilweise ziemlich wurzlig.
Rund um Pontresina heisst es vorsichtig sein. Auf dem gleichen Weg wie wir sind nämlich auch Biker unterwegs – der Engadin Bike Giro ist ebenfalls in vollem Gange. Jetzt wird auch klar, was die oben genannten Pfeile waren: Die Streckenmarkierung für die Biker! Zum Glück ist das Stück auf der Lauf- und Bikestrecke nur kurz. Beim Passieren des Start- und Zielgeländes ist der Spuk wieder vorbei.

Der zweite Teil

Vor mir taucht wieder Gion Andrea auf und dazwischen entdecke ich einen weiteren Läufer, der ebenfalls auf der Wettkampfstrecke unterwegs ist. Komisch, denke ich. Wieso rennt der gerade jetzt hier rum? Dass es ein Wettkampfteilnehmer ist, kann ja nicht sein, der hätte mich ja überholen müssen… Als ich zu Gion Andrea aufschliesse, frage ich ihn, ob er weiss, was es mit dem Läufer auf sich hat. Er meint, es sei der neue Führende. Erst bin ich verwirrt, aber dann kommt mir wieder die zweifelhafte Kreuzung in den Sinn. Hat sich der Führende von den roten Pfeilen täuschen lassen? Ich mache mich deswegen nicht verrückt, das wird sich schon alles klären.
Wäre auch viel zu schade sich deswegen ablenken zu lassen. Denn die Trails entlang der Südhänge über Pontresina sind weiterhin erste Sahne. Und das Beste: Mittlerweile haben sich die Wolken grösstenteils verzogen und geben das Wahnsinnspanorama wieder frei. Ja, es macht einfach riesig Spass hier zu laufen!

Laufen vor gigantischer Kulisse! Foto: Veranstalter

Laufen vor gigantischer Kulisse!
Foto: Veranstalter

Auch wenn meine Beine mittlerweile ziemlich müde sind, ist der letzte Anstieg durch die Lawinenverbauungen hinauf zur Chamanna Segantini halb so wild. Und ist die letzte Verpflegungsstelle erreicht, geht es nur noch bergab ins Ziel. Und wie es bergab geht! Mein Arbeitskollege, der schon letztes Jahr dabei war, hat nicht zu viel versprochen. Auf einem herrlichen Pfad geht es rasant in Richtung Pontresina. Erst etwas ruppig ins Val Muragl, dann mit leichtem Gefälle um den Bergrücken herum, bevor die letzten Höhenmeter mit zahlreichen Kehren vernichtet werden. Und dann sind die 46 Kilometer auch schon vorbei. Eigentlich schade, denn die Strecke ist so schön, bringt so viel Lauffreude, dass es ruhig noch etwas länger gehen könnte.
Wer nicht auf der Suche ist nach einem möglichst technischem „Höhenmeter-Monster“, sondern einem Trail-LAUF (nicht Wanderung) vor gigantischer Kulisse, dem kann ich den Engadin Ultraks wärmstens empfehlen! Und wenn man sich früh anmeldet muss man sogar „nur“ 110 Franken bezahlen 😉

Im Ziel klärt sich dann schnell, dass der Läufer tatsächlich der kürzeren, flacheren Bikestrecke gefolgt ist. Er wird deshalb aus der Wertung genommen werden. Für ihn tut mir das natürlich leid, er hat sicher nicht mit Absicht abgekürzt.

Bei der Siegerehrung Foto: Veranstalter

Bei der Siegerehrung
Foto: Veranstalter

Mein Vater hat sich ebenfalls kurzfristig für den Ultraks entschieden und verpasste auf der mittleren Strecke um 2 Minuten den Sieg in seiner Altersklasse. Mein Arbeits- und Trainingskollege Reto war ebenfalls auf der Media-Strecke unterwegs. Er lief ein bärenstarkes Rennen und wurde 8.! Mein zweiter Arbeitskollege Stefan war wie ich auf der Langdistanz unterwegs. Auch er übertraf alle Erwartungen und wurde sagenhafter Gesamt-Fünfter. Gratulation!

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3 Replies to “140 Franken für 46 Kilometer Höchstgenuss”

  1. Pingback: Ultra Trail News:Engadin Ultraks | Scenic Trail | Huascarán

  2. Schöner Bericht, Stephan. Gratulation!!! Ihr scheint eine starke Firma zu sein. Weiterhin alles Gute. Gruss, Carsten

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