130 Kilometer – muss das sein?

Der UTMB rückt näher

Je näher der UTMB rückt, desto grösser werden meine Bedenken, ob dieser Wettkampf wirklich das Richtige für mich ist. In dieser Saison hat sich für mich immer mehr herauskristallisiert, dass mir Distanzen zwischen 50 und maximal 100 Kilometer reichen. Auf diesen Distanzen fühle ich mich noch als Trail-Läufer (nicht Wanderer) und auch die Belastung für den Körper erscheint mir noch akzeptabel. Im Moment habe ich keinerlei Bedürfnis 170 Kilometer zu laufen bzw. zu wandern. Natürlich hätte ich mir das früher überlegen und mich nicht für den UTMB anmelden sollen. Wenn nicht gesundheitliche Probleme (Verletzung oder Krankheit) dazwischenfunken, geht kein Weg am UTMB vorbei. Kneifen gibt es nicht.

Irontrail als Leitenstraining

Aus diesem Grund möchte ich zumindest das Leiden jenseits der 100 Kilometer trainieren. Bis jetzt waren ja die 100 Kilometer beim ZUT die längste Distanz für mich. Der ideale Wettkampf für dieses Vorhaben ist der Swiss Irontrail T121. Entgegen der Bezeichnung ist er 130 Kilometer lang, hat 7200 Höhenmeter, führt durch die wunderschönen Bündner Berge und der Start- und Zielort Davos ist nur ein Katzensprung von Schiers entfernt. Einzig der Zeitpunkt ist grenzwertig: nur 3 Wochen vor dem UTMB sind für mich ziemlich knapp um vollständig zu regenerieren. Aber das Risiko gehe ich ein.

Die erste Hälfte läuft wie geschmiert

Jetzt stehe ich etwas fröstelnd im Startgelände und warte darauf, dass der Alphornbläser ausgespielt und wir die vielen Kilometer in Angriff nehmen können. Die Kaltfront, die gestern über die Alpen gezogen ist, hat für eine unangenehme Abkühlung gesorgt, aber immerhin haben die Niederschläge aufgehört. Im Gegensatz zu den T201-Läufern sollten wir also trocken durchkommen.
Den erste Streckenabschnitt bis Bergün kenne ich von meinen Teilnahmen beim Swissalpine. Er ist flüssig zu laufen, bietet mit Scalettapass, Val Funtauna und Keschhütte aber schon echte Leckerbissen. Nach Bergün geht es erst noch ein paar Kilometer entlang der Albulapassstrasse bis nach Naz. Während die Strecke des T201 weiter in Richtung Engadin führt, zweigen wir hier rechts ab. Es folgt der hochalpine Teil über die 3 Pässe/Übergänge: Fuorcla da Tschitta, Elapass und Orgelpass, auf den ich mich richtig gefreut habe.

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Auf dem Weg zur Fuorcla da Tschitta

Meine Erwartungen wurden noch übertroffen. Die Landschaft dort im Naturpark Parc Ela ist einfach spektakulär. Insbesondere weil das saftige Grün der Alpen übergeht in das Weiss des frisch gefallenen Schnees. Ein surreales Farbenspiel, das dadurch verstärkt wird, dass die Wolken immer wieder aufreissen und den Blick auf den tiefblauen Himmel und/oder die grauen Felswände von Tinzenhorn und Co. freigeben. Wäre jetzt kein Wettkampf, ich würde innehalten und geniessen.
Beflügelt von diesen Eindrücken verstreichen die Kilometer wie im Flug. Als ich den grossen Verpflegungsposten in Savognin bei Kilometer 64 erreiche, geht es mir noch sehr gut. Keine Schmerzen, keine Krise, Beine noch halbwegs locker. Die nächsten 12 Kilometer habe ich mir ziemlich mühsam vorgestellt. Im ständigen Auf- und Ab geht es auf halber Höhe und überwiegend auf Schotter- oder Asphaltautobahnen nach Tiefencastel. Doch auch dieser Teil läuft noch ganz gut.

Ab Tiefencastel wird es hart

Erst in Tiefencastel ändert sich das. Plötzlich erscheint das Ziel in Davos unerreichbar. 55 Kilometer und über 3000 Höhenmeter sind es noch, aber eigentlich habe ich genug. Ausgerechnet jetzt kommt ein wirklich mühsamer Anstieg nach Lenz: meist auf Teer und flach, so dass man einfach keine Höhe macht. Natürlich war mir im Vorfeld bewusst, dass so eine Krise kommen wird, aber richtig vorbereitet sein kann man trotzdem nicht. Sonst wäre es ja keine richtige Krise…
Kurz vor Lenz kann ich meinen Augen kaum trauen, als ich meine Mutter erkenne. Was für eine Überraschung – und genau der Richtige Motivator um auch das Flachstück bis Lenzerheide abzuspulen! Der folgende, zum Teil recht steile Anstieg zum Urdenfürggli führt auf groben Schotterpisten durchs Skigebiet. Das ist zwar auch nicht gerade der Brüller, aber immerhin gewinnt man schnell an Höhe. Und ausserdem sollte das der letzte weniger schöne Abschnitt gewesen sein. Der Übergang zur Hörnlihütte, die Querung zum Weisshorngipfel und der Downhill nach Arosa führen wieder auf feinsten Gebirgspfaden durch alpines Gelände. Wäre ich nicht so kaputt, ich hätte ganz sicher meinen Spass! Besonders beim Bergablaufen spüre ich die zurückliegenden Kilo-, Höhen- und Tiefenmeter. Die Muskulatur ist bretthart und schmerzt. Locker über Stock und Stein rennen ist nicht mehr möglich.

Bloss nicht locker lassen

Nach gut 110 Kilometern erreiche ich Arosa, wo die letzte grosse Verpflegungsstelle ist. Auch hier empfängt mich wieder meine Mutter und der Effekt ist der Gleiche wie in Lenz. Es motiviert mich weiter zu laufen, auf die Zähne zu beissen, die Erschöpfung zu ignorieren. Zudem weiss ich jetzt, dass ich das Ziel erreichen werde. Wenn ich es bis hier her geschafft habe, dann sollten die letzten 20 Kilometer auch noch machbar sein. Die Strecke führt zunächst auf dem Schanfigger Höhenweg nach Sapün bevor es hinauf geht zum Strelapass – zum Glückder letzte Anstieg für heute 🙂 . Auch wenn ich nicht mehr in der Lage bin mein Umfeld mit grossen Emotionen aufzunehmen, gehört dieser Streckenabschnitt für mich zu den landschaftlichen Highlights des T121. Mir hat er schon beim Arosa Trailrun so gut gefallen und dort war ich durchaus noch in der Lage die Schönheit der Landschaft bewusst wahrzunehmen 😉

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Es geht steil bergauf zum Strelapass…

Beim Strelapass hat man es eigentlich geschafft. Noch 5 Kilometern auf einfachen zu laufenden Wegen bergab und dann schliesst sich der Kreis. Nach 15:44 h darf ich als Erster ins Ziel einlaufen. Natürlich bin ich überglücklich und mehr als zufrieden mit Platzierung und vor allem der Zeit. Aber in erster Linie bin ich froh keinen weiteren Schritt mehr machen zu müssen…

Um auf die Frage im Blogtitel zurückzukommen: Müssen 130 (oder noch mehr) Kilometer sein? Nein, ich finde nicht. Für mich war alles jenseits der 100 Kilometer mehr Quälerei als Genuss. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt brauche ich das nicht. Ich werde das Projekt UTMB so gut es geht durchziehen, aber dann ist wohl erst mal Schluss mit den ganz langen Kanten.

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One Reply to “130 Kilometer – muss das sein?”

  1. Super Stephan…herzlichen Glückwunsch zum Sieg

    Das „Dilemma“ mit der Distanz kenne ich auch. Im Mai dachte ich beim UTLW, diese 52 Kilometer sind super, vielleicht ab und an mal 80, aber mehr nicht.
    So stand ich dann auch am Start beim Lavaredo Ultra Trail…
    …aber das Gefühl nach 120 Kilometer war einfach genial!
    „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“ 😉

    Du schaffst das, du stehst das durch, ohne Krise und dann sprechen wir uns nach dem UTMB noch einmal und schauen, wie du dann zu den 160k stehst. 😉

    Lass es krachen Stephan

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